Moderator Jürgen Marek (HARBURG21) und Meterologe Dr. Tim Brücher (GEOMAR) vor einer Tafel der Jubiläums-Ausstellung im Harburger Rathaus (Foto Gisela Baudy)

Vor 20 Jahren wurde die Lokale Agenda 21 „HARBURG21“ von der Bezirksversammlung Harburg aus der Taufe gehoben. Grund genug für eine besondere Feierstunde mit Klimavortrag von Dr. Tim Brücher (GEOMAR, Kiel) und Diskussionsrunde am 8. Dezember 2017 im Großen Saal des Harburger Rathauses.

Unter dem Motto „20 Jahre gelebte Nachhaltigkeit in Harburg“ hatten sich gegen 17 Uhr rund 60 umwelt- und entwicklungspolitische Netzwerk-Initiativen und Organisationen sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger aus dem Raum Harburg im Großen Saal des Harburger Rathauses eingefunden.

Jürgen Marek, Lenkungsgruppenmitglied von HARBURG21 und Moderator der Veranstaltung, begrüßte die Gäste und richtete ein spezielles Grußwort an Bernhard Hellriegel, der während seiner Amtszeit als Bezirksamtsleiter in Harburg von Anbeginn die Federführung in der hiesigen Agenda 21-Gruppe übernommen hatte.

Der Fokus des diesjährigen Netzwerktreffens lag auf den allgegenwärtigen Herausforderungen des Klimawandels – mit seinen globalen Auswirkungen zum Nachteil besonders der ärmeren Regionen dieser Welt – und den Möglichkeiten, vor Ort tätig zu werden. „Der Klimawandel ist in den meisten Köpfen angekommen“, erklärte Marek. Oftmals fehle es aber an der Kenntnis von Handlungsoptionen und der Bereitschaft, sie umzusetzen. Anreize zu einem klimagerechten und nachhaltigen Handeln könnten vor Ort gegeben werden wie etwa durch den Harburger Nachhaltigkeitspreis, der bis dato 86 Projekte sichtbar gemacht und 15 Initiativen mit Preisgeldern unterstützt hat. „Harburg braucht die Unterstützung von Politik und Verwaltung“, so Marek.

Nach einem kurzen Rückblick auf die Historie der globalen und lokalen Agenda 21 wagte der stellvertretende Bezirksamtsleiter Dierk Trispel einen Blick nach vorn. „HARBURG21 ist für seine beeindruckende Projektarbeit und Vernetzung zu Recht mehrfach ausgezeichnet worden.“ Zur Frage, ob die Welt sich verbessert habe, wies Trispel auf globale und regionale Erfolge hin wie etwa das sich langsam schließende Ozonloch oder die verbesserte Wasserqualität in der Elbe. Insgesamt wäre innerhalb der Staatengemeinschaft ein intensiveres Bewusstsein für nachhaltige Entwicklung entstanden. Mit Blick auf die beängstigende Bevölkerungsexplosion – zehn bis elf Milliarden Menschen bis zum Ende unseres Jahrhunderts – erklärte Trispel: „Wir müssen zusehen, dass wir nicht unsere Zukunft verzehren“ und mahnte einen dringenden Kurswechsel an, an dem sich jede und jeder beteiligen könne und müsse. Und hier setze das Netzwerk HARBURG21 an.

Mit seiner sehr informativen und anschaulichen Präsentation brachte Dr. Tim Brücher vom GEOMAR Helmholtz-Institut Kiel die Besuchenden in leicht nachvollziehbarer Weise auf den neuesten Forschungsstand. Es sei wissenschaftlich unumstritten, dass unsere heutige Produktions-, Wirtschafts- und Lebensweise zu einem überdurchschnittlichen Temperaturanstieg im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter geführt habe. Klimaschutzmaßnahmen seien mehr denn je wichtig, aber sehr komplex zu betrachten. So überraschte, dass eine Klimaanpassung durch Baumpflanzaktionen – trotz der Bindung von CO2 – nicht in jedem geografischen Kontext den gewünschten Effekt erzielen. Denn helle Getreideflächen, Gras- und Schneelandschaften werfen die Sonnenstrahlen wesentlich effektiver Richtung Weltraum zurück als Bäume mit ihren dunklen Baumkronen. Dadurch erwärmen sich die Bäume. In unseren gemäßigten Breitengraden jedoch erfüllen Bäume sehr wohl ihren klimaschützende Aufgabe, so Brücher.

Die Frage aus dem Publikum, ob wir das 2-Grad-Ziel erreichen können, beantwortete der Referent eindeutig positiv: „Wir sollten den Kopf nicht in den Sand stecken. Wenn wir schnell handeln, wird die Welt wird nicht wie vorher sein, aber die Ozeane können wieder besser durchatmen.“

In der anschließenden Fragestunde stellten verschiedene Klima-Akteur*innen aktuelle Projekte vor. Olaf Zeiske, Fachlehrer für Biologie und Geografie und MINT-Beauftragter, integriert seit Jahren Klima und Nachhaltige Entwicklung ins Schulcurriculum der Oberstufen an der Goethe Schule Harburg (GSH). „Die Schülerinnen und Schüler pflegen dabei enge Kontakte zu Wissenschaftlern wie sonst keiner.“ Frank Wiesner, Verkehrsplaner, sprach über Ansätze, Dieselschiffe zu ersetzen. „Zugegeben, es könnte alles schneller und besser gehen.“ Susanne Emich, Sachgebietsleiterin Wasserwirtschaft Harburg, berichtet über Maßnahmen zur Vermeidung von Überschwemmungen. „Es geht darum, grün zu denken gegen Überschwemmungen.“ Bernhard von Ehren, Geschäftsführer der Baumschule Lorenz von Ehren, skizzierte den Klimabaum-Hain, die Stadtbäume der Zukunft – zwar keine einheimischen Arten, dafür aber resistent gegen Krankheiten, Sturm- und Dürre usw. „Wir brauchen Bäume für urbane Verhältnisse – sie sind die einzige Klimaanlage für draußen.“

Die Forderungen beziehungsweise Vorschläge der Podiumsgäste an die Kommunalpolitik umfassten etwa die verstärkte Netzwerkbildung der Harburger Schulen miteinander und mit dem Bezirk. Des Weiteren ging es um die Förderung und den Ausbau von Öffentlichem Personennahverkehr (ÖPNV) und Radverkehr (Wiesner), die Einplanung von mehr Platz für Wasser (Retentionsflächen) bei der Erschließung von Grundstücken (Emich) sowie um mehr Grün-Dächer und Bäume, mehr Wertschätzung von Grün statt grauem Beton (von Ehren).

Für eine festliche Stimmung sorgte der bekannte Pianist und Komponist Benjamin Fenker, der unter anderem „Es werden nur Steine bleiben“ des Komponisten Peter Hamel in memoriam Erich Fried spielte, einem Klavierstück, das bei der Eröffnungsveranstaltung von HARBURG21 am 18. November 1997 uraufgeführt worden war.

Marek bedankte sich bei allen Beteiligten und schloss den allgemein als sehr informativ wahrgenommenen Abend mit einem Zitat von Erich Fried: „Wer nicht will, dass die Welt sich ändert, der will nicht, dass sie bleibt.“

Die Veranstaltung endete mit einem regen Austausch bei bio-fairem fingerfood. Vor und nach der Veranstaltung konnten die Gäste die Jubiläums-Ausstellung im Treppenaufgang oder die Stationen und Aktivitäten von HARBURG21 von der Gründung bis heute mittels einer Powerpoint-Präsentation studieren. Die (nicht barrierefreie) Jubiläums-Ausstellung, die in einer Gesamtschau alle Stationen von HARBURG21 aufzeigt, läuft noch bis zum 31. Januar 2018.

Text: Chris Baudy
Fotos (2): Gisela Baudy

Links:
> Jubiläums-Ausstellung im Harburger Rathaus eröffnet (Ausstellungsende 31.01.18)
> Medientisch „Gelebte Nachhaltigkeit in Harburg“ in der Bücherhalle Harburg (08.12.17 bis 31.01.18)

Expertenrunde. V.l.n.r.: Moderator Jürgen Marek, Olaf Zeiske, Frank Wiesner, Susanne Emich, Berhard von Ehren (Foto Gisela Baudy)

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