Die letzten Tage in seinem Geschäft: Horst Andresen

Die Ware ist fast komplett verkauft, Horst Andresen baut jetzt die Regale ab. Holdorf Berufskleidung an der Osterstraße schließt – nach mehr als 100 Jahren an der Ecke das Ende eines traditionsreichen Geschäfts. Andresen selbst ist seit mehr als 30 Jahren dabei. So genau weiß er das nicht mehr. Er steht in seinem kleinen Laden, in dem so viel Geschichte steckt. Neben ihm eine Verkaufsvitrine mit hölzernen Schubladen, de-ckenhohe Regale. Dunkel vertäfelte Wände, in der Ecke ein riesiger Nachtspeicherofen, es riecht nach Staub. An der Einrichtung ist seit Jahrzehnten kaum etwas verändert worden. An der Wand hängen zwei Bilder, eines etwas schief. Das eine zeigt das Vorgängergeschäft Anfang des 20. Jahrhunderts – das andere das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Haus.
Andresen schließt, weil mehr und mehr Kundschaft wegblieb. Ein schleichender Rückgang in den vergangenen Jahren. Malocher kaufen heute ihre Arbeitskleidung offenbar meist woanders als in kleinen Fachgeschäften – im Baumarkt oder im Online-Versand. „Wir hatten noch ein gutes Weihnachtsgeschäft, danach gab es aber einen starken Rückgang“, sagt Andresen. Er zog die Notbremse, Mitte September ist Schluss.
Helge Henkens ist noch einmal vorbeigekommen. Er kennt den Laden schon seit etlichen Jahren, schätzt die familiäre Beratung. „Ich habe hier meine Lehrlingskleidung gekauft“, sagt der Eimsbütteler. Er erinnert sich noch an die alte Inhaberin Helga Holdorf, die damals über dem Geschäft wohnte. „Das war wie im Ohnsorg-Theater. Wenn sie runterkam, genügte oft ein Blick. Und dann sagte sie: ,Na Jung, das passt doch nicht’“. Henkens mit seinen 2,04 Metern ließ dann bei Holdorf extra Zimmermannshosen anfertigen. „Es ist sehr schade um dieses Geschäft“, sagt der 51-Jährige.
Eine Mieterhöhung oder andere Veränderungen sind laut Andresen nicht der Grund für die Geschäftsaufgabe. Begehrt ist die Ecke aber: Er habe schon etliche Anfragen für seinen Laden bekommen. Er geht mit Wehmut. „Aber da muss man durch.“ Andresen (55) muss sich nun auch eine neue Arbeit suchen.

Seit mehr als 100 Jahren gibt es an dieser Ecke Berufskleidung zu kaufen. Unter dem Namen Holdorf seit etlichen Jahrzehnten, zuvor hieß das Geschäft Karl Kranz.

Kunde Helge Henkens: „Ich habe hier meine Lehrlingskleidung gekauft. Es ist sehr schade um dieses Geschäft“, bedauert der Eimsbütteler.

Die Schubladen sind leer: Horst Andresen am Verkaufstresen.

Schild mit dem alten Namen des Geschäfts: Heinrich Holdorf. Die sechsstellige Telefonnummer gibt es schon seit Jahrzehnten.

Wie lange mag dieser Zettel schon an der Wand hängen? Die Wache Grundstraße gibt es nicht mehr, die Hamburger Elektrizitätswerke (HEW) auch nicht mehr.

Relikt: Ein großer Nachtspeicherofen steht im Geschäft.

Horst Andresen räumt mit einem Freund die Regale aus.

Fotos aus früheren Tagen: Oben das Holdorf-Vorgängergeschäft Karl Kranz, unten das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Geschäftshaus.

Tiefere Wahrheit? Ein Spruch in altdeutschen Lettern.

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