Wohnen wie im Erdbebengebiet

Sie stehen genau auf der Grenze: hinten neuer Asphalt, vorne Holperpiste. Die Straße Bei der Windmühle wurde nur vom Fitgerweg bis zur Einmündung Christoph-Cordes-Weg saniert. Die Anwohner des nichtsanierten Teilstücks der Straße bei der Windmühle haben die Nase voll: „Bei uns wackeln die Wände“, sagen sie.
 
Peter und Petra Jers vor dem Riss an ihrer Fassade.

Bei der Windmühle: Teilstück der Straße wurde nicht saniert – bei jedem vorbeifahrenden Lkw oder Bus vibrieren hier die Häuser

Bei mir im Schrank klirren ständig die Gläser“, sagt Eri-ka Schulenburg. „Und mein Haus hat neue Risse“, ergänzt Peter Jers. Die beiden Nachbarn wohnen nicht etwa im Erdbebengebiet, sondern mitten im idyllischen Alt-Kirchdorf – nur leider am falschen Ende der Straße Bei der Windmühle. Immer wenn ein Bus oder Lkw vorbeifährt, bebt hier die Erde. Im letzten Jahr wurde die marode Straße aufwendig saniert – nur das letzte Teilstück nicht. Wer hier wohnt, ist angeschmiert.
Rund ein Dutzend Familien sind betroffen. Während weiter hinten neuer Asphalt glänzt, ist der Abschnitt vor ihren Häusern nach wie vor eine Holperpiste. Schuld am schlechten Zustand der Straße ist das benachbarte Neubaugebiet. Durch den Schwerlastverkehr während der Bauphase hatte der Straßenbelag erheblich gelitten. Saniert wurde anschließend aber nur das Stück, das zur Erschließung des Neubaugebiets dient. Zurzeit holpern schon wieder neue 40-Tonner übers Pflaster: der Baustellenverkehr für den Schulneubau Krieterstraße. Hinzu kommen die Busse. „Die Erde vibriert im 20-Minuten-Takt“, sagt Michael Buchholz.
Abgesehen von der nervlichen Belastung beklagen die Anwohner jede Menge Schäden an ihren Häusern. Die ständigen Erschütterungen haben Risse in den Fassaden verursacht, in die Keller dringt teilweise Wasser ein. „Wir haben Angst, dass unsere Häuser einstürzen“, sagt Anwohner Manfred Silberbach. „Das ist hier ein Abriss auf Zeit“, so Buchholz.
Auch darüber, wer für die Schäden an den Häusern aufkommt, besteht Unklarheit. „Ein Sachverständiger des Bezirksamts hatte vor Beginn der Bauphase die Vorschäden bei uns aufgenommen“, erinnert sich Michael Buchholz. „Warum nimmt der jetzt nicht die Nachschäden auf?“ Ein Brief an den Sachverständigen blieb ohne Antwort. Auch das Bezirksamt halte sich bedeckt. „Die wollen das aussitzen“, ist Buchholz sicher.
Von der Behörde fühlen sich die Betroffenen schmächlich im Stich gelassen. Denn ursprünglich sei ihnen zugesichert worden, dass die komplette Straße saniert werde. Doch dann habe Ex-Amtsleiter Markus Schreiber die Anwohner informiert, dass für die Rest-Sanierung leider „keine Geldmittel vorhanden“ seien. „Man fühlt sich ohnmächtig“, so Peter Jers.

Bezirksamt: Sanierung vage in Aussicht gestellt

Das Bezirksamt Mitte bestätigt, dass lediglich 300 Meter der insgesamt 800 Meter langen Straße Bei der Windmühle saniert wurde – nur der Teil, der zur Erschließung des Neubaugebiets Wilhelmsburg 18 dient. „Ein Versprechen, die Straße komplett zu sanieren, hat es bestimmt nicht gegeben“, versichert Bezirksprecherin Sorina Weiland. Immerhin, es gibt eine vage Hoffnung: Den Anwohnern sei in Aussicht gestellt worden, dass auch der restliche Teilabschnitt bei „genügend finanziellen und personellen Ressourcen im Laufe der nächsten Jahre saniert wird.“
Konkreter äußert sich das Bezirksamt in puncto Schadensregulierung: Für Schäden, die während der Baumaßnahme aufgetreten sind, kommt das Bezirksamt auf – vorausgesetzt, die Schäden sind durch ein Gutachten belegt. Die Tatsache, dass noch kein Gutachter die Nachschäden aufgenommen hat, begründet das Amt so: „Die Bauabnahme der Straße hat erst vor kurzem stattgefunden, und es mussten noch einige Kleinigkeiten nachgebessert werden, so dass erst jetzt der Gutachter wieder beauftragt werden kann“, so Weiland. Dies sei den Anliegern auch mitgeteilt worden.
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