Wilhelmsburg – Ein Stadtteil wird saniert! Oder: Das Gleichnis von der schönsten Villa weit und breit

Hamburg: Wilhelmburg | Die Gemeinde XY war schon immer stolz auf ihre wunderschönen Bauwerke. Im Laufe der Jahrzehnte wies das eine oder andere Haus mal kleine Mängel auf. Aber diese standen meist abseits der Hauptstraßen und fielen nicht so wirklich ins Auge.
An einem aber, direkt am südlichen Ortseingang, nagte der Zahn der Zeit besonders. Früher, in seiner Entstehungszeit, war es die Unterkunft für Gastarbeiter, die von weither kamen um in den Fabriken zu arbeiten, die der Gemeinde Ruhm und Geld verschafften. Dann geriet dieses Haus in Vergessenheit. Über viele Jahre wurde nichts mehr daran gemacht.
Die Bewohner taten zwar ihr Möglichstes, aber es war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Sie fanden sich damit ab, dass die Fassade Risse bekam und die Farbe mehr und mehr abbröckelte. Innen sah es besonders schlimm aus. Da der Grundstückseigner, die Gemeinde XY, alle Mängelmeldungen der Bewohner ignorierte, waren die Fussböden morsch, an den Treppen fehlte teilweise das haltgebende Geländer, die Wände waren feucht und Pilze wucherten dort, wo einst wunderschöne Tapeten eine anheimelnde Atmosphäre verbreiteten. Das Dach war undicht und nur provisorisch geflickt.
Nun überlegte die Gemeinde, wie sie aus der Ruine ein Prachtbau werden könnte. Es musste ein Hingucker werden, über die Grenzen hinaus bekannt.
Eines Tages war es soweit. Die Baufirmen rückten an. Um die Ruine herum wurde eine neue Fassade errichtet. Höher und schöner, mit Erkern und Türmchen. Das Bauwerk glich mehr und mehr einem Schloss, denn es wurde nicht an Verzierungen gespart. Auch der verwilderte Vorgarten wurde in die Sanierung mit einbezogen. Daraus sollte ein Park werden. Damit die Bewohner der Gemeinde -und natürlich in erster Linie die Bewohner des sanierten Hauses - das Gefühl bekamen es wäre ihr Park, wurde die Bevölkerung um Spenden zum Kauf der Bäume gebeten.
Endlich war es soweit. Am südlichen Ortseingang, da wo vorher das zerfallene Gebäude stand, befand sich nun ein Prunkbau wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Es war das schönste und aufwendigste Gebäude weit und breit, auch über die Grenzen der umliegenden Gemeinden hinaus.
Wie erwartet kamen unzählige Neugierige, die sich an der Pracht nicht sattsehen konnten. Bald schmückten Bilder des Jahrhundertbauwerkes Postkarten und Kalender. In der ganzen Welt sprach man darüber.
Die Bewohner des Hauses schlossen, vor Dankbarkeit in diesem Prunkbau wohnen zu dürfen, den Gemeinderat jeden Abend ins Gute-Nacht-Gebet ein.
Keinem der Touristen, aber auch nicht den Einwohnern der Gemeinde, fiel auf, dass die Türen und Fenster immer fest geschlossen waren. Alle bewunderten das Haus von außen, Zutritt ins Innere hatten nur die Mieter.
Ihr fragt euch jetzt, wie es im Inneren ausgesehen haben mag? Die Fussböden waren morsch, an den Treppen fehlte teilweise das haltgebende Geländer, die Wände waren feucht und Pilze wucherten dort, wo einst wunderschöne Tapeten eine anheimelnde Atmosphäre verbreiteten. Das Dach war undicht und nur provisorisch geflickt …..
(Text: Lejla Berger)
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