„Uns hat niemand über den Verkauf informiert!“

Wolfgang Lunk (l.) und Dieter Pickel verstehen nicht, warum das Gemeindehaus im Rotenhäuser Damm verkauft werden soll. Sie leben seit vielen Jahren mit ihren Familien in dem Gebäude.
 
In dem Gemeindehaus von 1908 sind eine Kita und das Gemeindebüro untergebracht. Im zweiten Stock gibt es zwei Wohnungen, eine dritte unter dem Dach ist seit einem Brand vor über zehn Jahren unbewohnt.

Mieter im Emmaus-Gemeindehaus fühlen sich übergangen – Pastor wehrt sich gegen Vorwürfe

Die Bewohner des Gemeindehauses der Emmaus-Kirche sind stinksauer. Sie haben von den Plänen der Reiherstieg-Gemeinde, das denkmalgeschützte Haus im Rotenhäuser Damm 11 zu verkaufen, in dem sie mit ihren Familien leben, aus der Zeitung erfahren, erzählen Wolfgang Lunk und Dieter Pickel (zum Hintergrund siehe Infokasten). „Nach so vielen Jahren hat uns niemand über den Verkauf informiert. Das ist traurig“, sagt Lunk, der seit 1986 im zweiten Stock des Gemeindehauses lebt. Sein Nachbar ist hier seit 32 Jahren Mieter. „Das ist unser Zuhause. Wir wollen nicht verkauft werden!“, sagt Pickel. Seine Wut auf Gemeindepastor Vigo Schmidt sitzt so tief, dass er die Kirche nicht mal für die Taufe seiner Enkelkinder betreten wollte.
Schmidt versteht den Ärger nicht. Er habe die Pläne der Kirche bereits vergangenen Herbst im Sanierungsbeirat Südliches Reiherstiegviertel vorgestellt. „Ich habe alle Anrainer der Emmaus-Kirche und alle Betroffenen schriftlich eingeladen“, erzählt er. Dazu zählten auch die Familien Lunk und Pickel. Doch sie kamen nicht. Auch zur Gemeindeversammlung am 23. Februar, auf der Schmidt die konkreten Pläne der Kirche erläuterte, waren die beiden nicht erschienen. „Dabei hing die Einladung drei Wochen lang im Gemeindehaus aus“, sagt der Pastor.
Doch was passiert mit den Mietern, sobald die Kirche einen Käufer für das Gebäude gefunden hat? Lunk und Pickel befürchten, ihre Wohnungen zu verlieren. „Wir wollten hier alt werden“, sagt Pickel. Er habe viel Arbeit in die Wohnung gesteckt, Reparaturen in dem alten Bau selbst erledigt. „Die Gemeinde hat immer nur gesagt: ,Wir haben kein Geld’“, erzählt er und schimpft: „Die haben hier seit 20 Jahren nichts mehr gemacht!“
Eine Kündigung von Seiten der Kirche werde es nicht geben, betont Schmidt. „Wir verkaufen das Haus mit den Mietern“, sagt er. Dafür nehme man auch einen niedrigeren Preis in Kauf. Sollten die beiden Mieter vor diesem Hintergrund ausziehen wollen, bietet Schmidt seine Hilfe an. „Ich kann natürlich schauen, ob es im Bestand des Kirchenkreises Hamburg Ost adäquate Wohnungen für sie gibt“, sagt er. „Aber meine Aufgabe ist es, die Gemeinde zu retten, nicht die Mieter.“

Reiherstieg-Gemeinde strukturiert sich neu:
Die Reiherstieg-Gemeinde steht vor größeren Umbrüchen: Weil die Verwaltung und der Unterhalt des Gebäudebestandes nach Angaben der Gemeinde mehr als 50 Prozent des Haushalts verschlingen, möchte man sich von fast allen Gebäuden trennen. Zurzeit gibt es zwei Standorte mit jeweils einem Gemeindezentrum und einer Kirche, denn vor 14 Jahren wurden die Paul-Gerhardt- und die Emmaus-Gemeinde zur Reiherstieg-Gemeinde zusammengelegt. Über die Jahre ist die Zahl der Mitglieder auf rund 4.350 geschrumpft, 1962 waren es noch 16.000. Damit sind auch die Einnahmen durch Kirchensteuern deutlich weniger geworden. Vor diesem Hintergrund ist Folgendes geplant: Das Grundstück an der Georg-Wilhelm-Straße wird verkauft und die Paul-Gerhardt-Kirche abgerissen – sofern das Denkmalschutzamt dies genehmigt. Auch das Emmaus-Gemeindehaus wird verkauft. Eine Sanierung des Hauses, das 1908 im Stil der Lübecker Backsteingotik gebaut wurde, würde nach Angaben der Gemeinde 300 Euro pro Quadratmeter kosten – das sei zu teuer. Für das Gemeindehaus gibt es bereits Interessenten. Mit dem Erlös aus den Verkäufen will die Gemeinde ein neues Zentrum direkt neben der Emmaus-Kirche in der Mannesallee bauen, das etwa eine Million Euro kosten wird.
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