Toben als Therapie

Die Sporthalle als kultureller Schmelztiegel: Kinder einer Internationalen Vorbereitungsklasse der Schule Rotenhäuser Damm spielen Tarzan im Kletternetz. Foto: cvs
Hamburg: Haus der Jugend Wilhelmsburg |

In Wilhelmsburg können Flüchtlinge wieder Kinder sein – wie ein Verein erfolgreiche Integrationsarbeit für den ganzen Stadtteil macht

Von Christopher von Savigny. Sayed und seine Mitschüler hängen kopfüber an der Turnstange und lassen sich hin und her baumeln. Andere balancieren – mal mehr, mal weniger gekonnt – über einen Schwebebalken, klettern an Seilen oder Gerüsten empor, oder rennen einfach wild durch die Gegend. Macht offensichtlich Spaß, so herum zu toben: Sogar, während ihm das Blut langsam in den Kopf sackt, macht Sayed Faxen in Richtung Kamera. Der Zehnjährige, der aus Afghanistan kommt, findet es „ganz toll“ hier, auf der so genannten „Bewegungsbaustelle“ im Haus der Jugend (HdJ) Wilhelmsburg. „Man kann so viel lernen“, sagt Sayed.
Lernen ist das richtige Stichwort.
Auch wenn die Kinder und Jugendlichen gar nichts davon merken: Sie lernen durch Bewegung. „Mit unserem Angebot wollen wir Gruppenfähigkeit und Sozialverhalten schulen“, erklärt Claus Niemann, Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Integration in Wilhelmsburg. Auch Sprachentwicklung, Konzentrationsfähigkeit sowie Selbstwertgefühl werden gefördert.
In regelmäßigen Abständen bietet der vor zehn Jahren gegründete Verein psychomotorische Arbeit für Grundschulkinder von der Elbinsel – insbesondere aus dem Reiherstiegviertel – an.
Seit etwa einem dreiviertel Jahr sind auch Klassen mit Flüchtlingskindern dabei. „Ich bin ganz begeistert von der Entwicklung, die die Schüler machen“, sagt Marion Schröder, Klassenlehrerin in einer Internationalen Vorbereitungsklasse an der Grundschule Rotenhäuser Damm.

Ex-Polizist Claus Niemann hilft ehrenamtlich

Heute hat die Lehrerin ihre Schützlinge mal mitgebracht: Lauter acht- bis zehnjährige Jungs und Mädchen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Viele haben in ihrem Heimatland und auf der Flucht nach Deutschland Gewalt, Hunger und Not erlebt. Über ihre Erfahrungen wollen sie meist nicht sprechen – aber heraustoben wollen sie sie, das ist deutlich zu merken. Sayed, der eine zwei Jahre lange Flucht hinter sich und unterwegs mehrere Sprachen gelernt hat, tut sich dabei ein bisschen als Anführer hervor. Immer wieder bemüht er sich, den Oberkasper zu spielen, oder die Erwachsenen mit seinem Sprachwissen zu beeindrucken. „Man muss aufpassen, dass man ihn nicht allzusehr in den Himmel lobt“, sagt Niemann.
Früher hat Claus Niemann lange Jahre in Harburg und Wilhelmsburg als „Bünabe“ und als schulbegleitender „Cop4U“ gearbeitet. Nach seiner Pensionierung vor zehn Jahren wollte er unbedingt weitermachen: „Ich war einer der wenigen Bünabes, die ihren Job auch als Sozialarbeit verstanden haben“, sagt er. In Harburg sorgte er dafür, dass die Obdachlosen an der Knoopstraße einen wetterfesten Unterstand bekamen. In Wilhelmsburg engagierte er sich für die Arbeitsloseninitiative im Deichhaus und für den AWO-Seniorentreff. Dass er sich überall einmischte, brachte ihm nicht nur Lob ein – doch letzten Endes wurde er respektiert. „Wenn man den richtigen Ton trifft, kann man einiges erreichen“, sagt Niemann.
Die vom HdJ so getaufte „Bewegungsbaustelle“ hat sich im Laufe der Zeit zu einem richtigen Kletterparadies entwickelt: Es gibt mehrere Gerüste, Seile, Sprungkästen, Balken und Stege zum Balancieren – und vor allem dicke, weiche Matten, in die man unbeschadet hineinfallen kann. Um keine Langeweile entstehen zu lassen, wird öfters mal umgebaut. Auf rund 100.000 Euro schätzt HdJ-Leiter Uli Gomolzig den aktuellen Wert der Ausrüstung – Geld, das alleine durch Spenden hereingekommen sei. „Für das HdJ ist es eine Win-Win-Situation“, sagt Gomolzig. „Die Qualität der Jugendarbeit hat sich bei uns enorm verbessert.“
Der Verein finanziert sich über Stiftungen und private Geldgeber. Rund 25 Vereinsmitglieder engagieren sich ehrenamtlich. Dank einer finanziellen Großspende konnte vor zweieinhalb Jahren ein Erzieher eingestellt werden. Darüber hinaus bietet der Verein Hausaufgaben- und Bewerbungshilfe an und organisiert Musik- und Deutschunterricht für bulgarische Kinder und Jugendliche. Für neue Sportgeräte werden immer wieder Spender gesucht.

Info

Der Verein zur Förderung der Integration in Wilhelmsburg bietet für fünf bis sechs Gruppen täglich ein kostenloses Bewegungsprogramm im Haus der Jugend an. Kooperationen bestehen unter anderem mit der Schule Fährstraße und der katholischen Bonifatiusschule..
Kontakt im Internet
unter ❱❱ www.hdj-wilhelmsburg.de
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