So viele tragen Kopftuch

Für Julie Nagel scheint die Wilhelmsburger Sonne momentan doppelt so hell. Vor gerade mal zwei Monaten zog sie mit ihrem Freund hierher und ist begeistert von diesem Stadtteil. Foto: sk

Aus der Reihe: Wilhelmsburger erzählen, wie es sich hier leben lässt

von Steffen Kozieraz

Erst seit zwei Monaten lebt Julie Nagel in Wilhelmsburg und zeigt sich frisch verliebt in diesen Stadtteil: „Mein Freund und ich sind beide geflasht und freuen uns jeden Tag aufs Neue, dass wir hier sind,“ schwärmt die 42-jährige Fotografin.
Überrascht von dem vielen Grün und Wasser hat sie sich schon bestens eingelebt und macht den Wilhelmsburgern ein Kompliment: „Die vielen netten Leute machen es einem leicht, hier anzukommen. Man wird angesprochen und bekommt Tipps, wo man einkaufen oder essen gehen kann.“ So hat sie auch schon ihren Lieblings-Italiener gefunden. Der hohe Migrantenanteil habe sie nicht überrascht, doch dass hier so viele Frauen Kopftuch tragen, schon. „Vielleicht tragen sie hier in ihrem Viertel Kopftuch, und wenn sie rüber nach Hamburg fahren, nehmen Sie es ab,“ mutmaßt die kulturell offen eingestellte Künstlerin und wird nachdenklich: „Auf der anderen Elbseite denkt man nicht darüber nach, aber hier scheint alles nach Ethnien aufgeteilt. Die Türken grillen im Park, und wo wir hier sitzen, ist ein typisches 'Deutschencafé'. Ich weiß nicht, wie viel Integration hier möglich ist.“ Doch komme man mit türkischen Männern auch leicht in Kontakt. So wurde sie mit ihrem Freund spontan von einigen türkischen Jungs zum Grillen eingeladen, wo sie Köfte und Wodka teilten. Dann sei das passiert, was sie schon mal in New York erlebte. „Die Jungs warnten uns, dass es hier gefährlich sei und meinten, wir sollen ihre Namen nennen, wenn wir in Schwierigkeiten geraten,“ erzählt Julie Nagel und muss dabei schmunzeln. Wie schon in New York empfindet sie es auf der Elbinsel nicht als gefährlich. Dass dies ein hippes Viertel wird, glaubt sie indes nicht. Wobei: wenn es um die Gentrifizierung geht, gibt sie zu: „Ich bin ein Teil davon, bin Opfer und Täter gleichzeitig. Ich zog hierher, weil es drüben zu teuer wurde.“ So wohnt sie jetzt nicht mehr im „Schuhkarton“ in der Neustadt, sondern in einem geräumigen Loft, wo sie auch Platz für ihre Arbeit als Fotografin und Art Directorin hat. „Ich habe richtig Lust hier zu fotografieren und habe eine Schwäche für Orte, die nicht zu glatt sind,“ erklärt die frisch gebackene Wilhelmsburgerin.
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.