„Sie müssen jetzt raus!“

Irinka und ihr bettlägeriger Vater. Nimmt die Tochter alles in Kauf, um ihn zu helfen, wie sie sagt? Oder hat sie den alten kranken Mann als Faustpfand benutzt , um zu versuchen, eine Räumung zu verhindern? Das sagt der Gerichtsvollzieher. (Foto: ch)

Zwangsräumung in der Fährstraße: eine Tragödie für alle Beteiligten

von Christiane Handke-Schuller
Irinka Atanasova weint, sie schreit, sie fällt auf die Knie: „Ich bin nicht Bandit, ich bin Mensch, ich bitte euch. Ich gehe nicht, ich gehe nicht!“ Oliver Paetow zieht sie sanft wieder auf die Füße: „Doch“, sagt der Polizist, „Sie müssen jetzt raus.“
Die Wohnung im dritten Stock, Fährstraße 15, wird zwangsgeräumt. Die Bulgarin weiß es seit Wochen, hat aber bis zum letzten Moment nicht geglaubt, dass es wirklich passiert. Nichts ist vorbereitet. Die Wäsche dreht sich in der Waschmaschine, auf dem Bügelbrett im Flur liegt ein Buch „DeutschI“. Ihr bettlägeriger Vater blickt mit großen Augen durch den Türspalt auf den Tumult im Flur. Dort drängen sich neben seiner Tochter die übrigen Bewohner: der Enkel mit Ehefrau und Tochter, außerdem der Gerichtsvollzieher, zwei Polizeibeamte, ein Schlosser, der in Sekunden das Wohnungsschloss ausgewechselt hat, der Vermieter, dessen Sohn, ein Rechtsanwalt.
„Mir zittern die Knie“, sagt Vermieter Klaus Teege. Aus Betroffenheit, aber auch aus Wut. Von Anfang an habe Frau Atanasova die Miete nur auf Druck gezahlt. Vor drei Jahren hat er das erste Mal fristlos gekündigt – und die Kündigung zurückgenommen, weil sie flehentlich Besserung versprach. Doch nichts änderte sich. Im Juli 2010 der erste Versuch einer Räumung. Drei Mal ist Obergerichtsvollzieher Thomas Scheuch seitdem hier gewesen, um zu räumen. Jedesmal versprach Irinka Atanosova, freiwillig zu gehen. Und ging nicht.
Die Bulgarin kam nach Deutschland, hat ihren herzkranken Vater hergeholt und hier operieren lassen. Hat Sohn, Schwiegertochter und Enkelin in die Dreizimmerwohnung geholt. Hat eine Ausbildung zur Altenpflegerin begonnen. Nur die Miete, die hat sie immer wieder nicht gezahlt.
„Das ist die Mentalität dieser Leute, diese ewigen Labereien. Die hat doch gedacht, das geht noch jahrelang so“, sagt der Rechtsanwalt, der mit verschränkten Armen im Türrahmen lehnt.
Ein Krankentransport vom Deutschen Roten Kreuz wird herbeitelefoniert. „Wenn der kranke Vater weg ist, ist das Haupthindernis weg“, sagt der Gerichtsvollzieher. „Der wiegt ja nur soviel wie ein Vögelchen“, sagt DRK-Sanitäterin Jenny Stöltig, als sie den Vater in ein Tragetuch packt. Irinka Atanosova schreit:„Stellen Sie sein Bett auf Straße! Dass alle Leute sehen!“
Der alte Herr wird in die Wohnung eines Bekannten gefahren. Frau Atanasova stopft ein Dutzend Plastiktüten voll. Ihre Pläne von einem Leben in einem Land, wo für alles gesorgt ist, haben ihre ganze Familie in die Obdachlosigkeit geführt.
Vermieter Klaus Teege bleibt auf den Kosten sitzen: „Wenn einer nur eine Wohnung hat, die er vermietet, um davon zu leben, kann er an sowas pleite gehen“, sagt er.
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2 Kommentare
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Johan Liebert aus Veddel | 21.09.2011 | 19:15  
24
harras von Heilsperg aus Wilhelmsburg | 18.05.2012 | 17:13  
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