Nadel und Faden sind seine Welt

Das tapfere Schneiderlein aus Wilhelmsburg: Herbert Wodniczak befürchtet, dass er der Letzte eines aussterbenden Gewerbes ist. Foto: sd (Foto: sd)

Herbert Wodniczak gehört zu den letzten Maßschneidern Hamburgs

von Sabine Deh
Herbert Wodniczaks Ladenwerkstatt in der Veringstraße wirkt wie eine Puppenstube aus vergangenen Zeiten. Das Schaufenster ist herbstlich mit Pilzen, Waldelfen und edlen Stoffen dekoriert, im geschmackvollen Inneren stapelt sich handgewebtes Tuch aus England, Schottland und Italien bis unter die Decke. „Ich bin der letzte Maßschneider in Wilhelmsburg“, sagt der 77-Jährige fast melancholisch, denn ein Nachfolger für sein kleines Imperium sei nicht in Sicht.
„Mein Mann wird mit der Nadel in der Hand von dieser Welt gehen“, prophezeit Wodniczaks Frau Rita. In einem Alter, in dem andere längst ihren Ruhestand genießen, schließt ihr Gatte immer noch jeden Morgen pünktlich um 9 Uhr seinen Laden auf und macht sich bis zum späten Abend an die Arbeit. Mit feinen, akribischen Stichen verlängert oder verkürzt er Anzugärmel, macht Jacken enger oder weiter, schneidert Hosen und Kleider nach den Wünschen der Kunden. Um seinen Hals hängt stets ein gelbes Maßband, an seinem rechten Zeigefinder steckt ein Nähring. Hin und wieder lässt sich ein Herr von Wodniczak sogar einen Maßanzug auf den Leib schneidern.
Wenn so ein Auftrag ansteht, macht sein Herz einen glücklichen Hüpfer und er wird nicht müde, mit dem Kunden über die Qualität seiner Stoffe, über Schnitt-, Farb- und Knopfauswahl zu philosophieren. Über 40 Stunden Arbeit stecken in einem solchen Anzug, die Kosten liegen bei 1.200 Euro aufwärts. „So ein Anzug ist eine Anschaffung fürs Leben und hat mit der billigen Konfektionsware von der Stange nichts mehr zu tun“, versichert Wodniczak. Wenn der Träger etwas aus dem Leim ginge, könne man dem guten Stück mit ein paar Änderungen wieder zu einer perfekten Passform verhelfen.
Schon Wodniczaks Vater hatte den Beruf des Schneiders gewählt und konnte seine Familie auch in schweren Nachkriegsjahren gut ernähren. Über der Eingangstür hing ein Schild mit der Aufschrift: „Wir arbeiten nach englischen Maßstäben“. Dieses Credo hat auch heute noch Bestand. Damals gab es alleine in der Veringstraße sieben Schneiderwerkstätten, in ganz Wilhelmsburg waren es sogar 27. „Ich bin der Letzte eines aussterbenden Gewerbes“, fürchtet Wodniczak. Bei der Hamburger Schneider-Innung ist außer ihm nur noch ein einziger hanseatischer Maßschneider eingetragen.
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.