Kurze Wege: im Bus 13 wieder überall ein- und aussteigen

Mittwoch, 23. Mai 2012, morgens kurz nach 8 Uhr: die Leute kommen von der S-Bahn und wollen weiter fahren nach Wilhelmsburg, teils kommen sie müde von der Nachtarbeit, teils fahren sie zur Arbeit oder Ausbildung.

Gleich steigen 56 Menschen vorne in den Bus 13 ein, einer kauft eine Fahrkarte, alle anderen zeigen etwas vor. Manche halten dem Fahrer die Karte direkt vor die Nase, andere wedeln eher im Vorbeigehen damit.

Ich fahre mehrere Runden mit dem Bus zwischen Veddel und Kirchdorf Süd und notiere genau, wie viele Menschen einen Fahrschein kaufen und wie viele dem Fahrer etwas vorzeigen.

An der Haltestellen Vogelhüttendeich kommen 18 Menschen, 3 davon kaufen eine Fahrkarte.
Zwei Mütter haben den Kinderwagen in einer Hand, die Einkaufstasche in der anderen und zeigen gleichzeitig noch dem ankommendem Bus die Fahrkarte. Sie „dürfen“ hinten einsteigen.

Am Stübenplatz und der Mannesallee ein großes Gedränge, zwischen 25 und 35 Menschen steigen jeweils ein, ich kann sie von meinem Platz im Bus schwer zählen, denn diesmal steigen viele auch hinten ein.

Manche Fahrer beordern jeden, der hinten einsteigt, sofort nach vorne. Eltern lassen dann ihre kleinen Kinder alleine hinten, drängen sich durch, der Bus fährt an, der Fahrer guckt gar nicht wirklich auf die Karte.

Das Busfahren in Wilhelmsburg hat sich verändert: Voll war es in der Dreizehn fast immer, bis spät in die Nachtstunden hinein. Aber es war ziemlich freundlich im Bus, man stieg irgendwo ein, half ggf. den Leuten, die mit dem Kinderwagen oder Rolli kamen, setzte sich in der Nähe hin oder hielt sich fest.

Die 13 ist ein Familienbus, ein großer Einkaufswagen für den alltäglichen Einkauf. In Wilhelmsburg haben die meisten Familien kein Auto. Oft sind es nur eine, zwei oder drei, die man fährt. Und eine Karte hat man von der S-Bahn oder als CC-Ticket meistens sowieso.

Auf den Abonnementskarten stand der schöne Satz „Im Allgemeinen brauchen Sie ihre Karte nicht vorzuzeigen“.
Heute heißt Busfahren in Wilhelmsburg Schlange bilden, Gedränge im Bus, hinten fast leere Busse, zu spät kommen.

Wirkungsloses Vorzeige-Ritual

Sicherlich gab es auf der Linie 13 auch Schwarzfahrer. Und der eine oder andere mag nach dem Vorne-Einsteigen-Gebot nun einen Fahrschein gekauft haben. Faktisch aber ist dem Busfahrer eine Kontrolle der unendlich vielen möglichen Fahrscheine (HVV, Deutsche Bahn, SH-Tarif, elektronische Karten usw.) auf Gültigkeit des vorgelegten Zettels gar nicht möglich. Jeder weiß, dass die Fahrscheinkontrolleure in der Bahn Zeit und Konzentration brauchen.

Als ehemaliger Straßenbahnschaffner weiß ich noch, dass ich nicht untätig herum gesessen habe, sondern zu tun hatte – und damals waren es noch relativ wenig verschiedene Fahrscheine. Viele Fahrkartenverkäufe ähneln Verkaufsgesprächen: ist eine Tageskarte günstiger, welchen Fahrschein braucht man in die Innenstadt? Und wenn man zu Zweit ist? Was muss man zum Wilhelmsburger Zentrum zahlen, was zum Hauptbahnhof, was nach Harburg? Kann man auch eine Karte nach Lübeck bekommen?

Würde der Busfahrer nun noch jeden vorgelegten Zettel genau ansehen und prüfen, brauchte der Bus mehr als die doppelte Zeit.

Schwarzfahren

Notorische Schwarzfahrer dürften sich mittlerweile umgestellt haben und irgendeinen alten Fahrschein mitführen. Ist man erst mal im Bus, wird man kaum mit einer Kontrolle rechnen müssen, der Busfahrer hat ja angeblich schon kontrolliert.

Sicherheit im Bus

Eine Frau kommt mit einem ca. 1 ½ jährigen Kind auf dem Arm in den Bus. Sie setzt das Kind auf eine freie Bank, der Bus fährt an, sie führt eine Hand des Kindes an die Seitenlehne, damit es diese umgreift. Sie holt ihren Fahrschein aus der Tasche und geht nach vorne zum Busfahrer, um sie ihm zu zeigen. Er guckt nicht drauf, nickt aber. Sie geht so schnell sie kann zu ihrem Kind zurück und atmet erleichtert auf. Es ist nichts passiert.

Wäre das Kind von der Bank gefallen und hätte sich dabei ernsthaft verletzt, wäre das wohl ein Fall für den Staatsanwalt. Ermittelt er dann gegen die Mutter, gegen die Busfahrer oder gegen die Planer, die die Regeln gesetzt haben?

Ich selbst bin 66 Jahre alt. Werde ich mich noch in zehn Jahren durch den fahrenden Bus drängeln können? Und werde ich mich so schubsen und schütteln lassen können, ohne hinzufallen? Oder sollte ich mir doch wieder ein Auto anschaffen?

Sicherheit im Verkehr

Ich bewundere die Busfahrer, die den riesigen Bus durch den engen Vogelhüttendeich hindurch schlängeln, die sich von Falschparkern in der Kurve kaum irritieren lassen, die das Tempo 30 Gebot in der Rotenhäuser Straße wegen der Schulen einhalten.

Und zugleich erlebe ich genügend gefährliche Situationen, auch schon, dass ein Radfahrer mit dem Bus kollidiert. Die 20,30 Sekunden, die das Ein- und Aussteigen an den Haltestellen vor der Vorne-Einsteigen-Regel gedauert hat, waren ein Moment, wo der Busfahrer auch einmal ein- und ausatmen konnte.

Jetzt ist immer Betrieb um den Busfahrer. Es wird unfreundlicher und: es wird gefährlich, weil jeder minimale Konzentrationsmangel beim Fahren zu einem Unfall beitragen kann, völlig unabhängig von der Frage der juristischen Schuld.

Der Fahrer ist zum Fahren da, nicht um daneben noch einen Kontrolleur zu ersetzen.

Vorne einsteigen auch in U- und S-Bahnen?

In den neuen U-Bahn-Wagen in Hamburg kann man zwischen den Wagen hindurch gehen. Denkbar wäre es, die Bus-Regelung auch hier einzuführen: Jeder zeigt seinen Fahrschein vorne dem Fahrer, steigt dann in den vorderen Eingang der U_Bahn und geht dann durch die Wagen hindurch.
Denkbar? Oder eher verrückt?

In Hamburg hat sich der neu gewählte Bürgermeister für das Bus-System entschieden. Moderner soll es werden, schneller. Dazu passt nicht die Regelung der 1970er Jahre mit dem Vorne-Einsteigen.

Sie war ja auch nicht von diesem, sondern dem vorangegangenen Senat wieder erfunden, so dass Herr Scholz sagen kann: Das stelle ich mir unter modernem Bus nicht vor.

Resüme: Bus 13 den Buslininen 4,5, und 6 gleich stellen

In der Innenstadt, wo auch Bürgerschaftsabgeordnete und Behördenmitarbeiter zur Arbeit fahren, gelten die Regeln nicht. Dort sind die Linien 4,5 und 6 vom vorne einsteigen befreit.

Das Mindeste, was für Wilhelmsburgs Linie 13 erreicht werden müsste, ist die Gleichstellung der 13 mit den Innenstadtlinien.
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