Kleinkrieg um Chantal-Gedenkstätte

Die neu gegründete Trauergruppe mit Initiatorin Anne Böhm (mit Blumenstrauß).

Neu gegründete Trauergruppe erinnert mit Kerzen und Blumen an das verstorbene Kind – am nächsten Tag ist alles weg

Vor zwei Monaten starb die elfjährige Chantal in der Wohnung ihrer Pflegeeltern in der Fährstraße an einer Methadonvergiftung. Noch immer ist das Entsetzen im Stadtteil groß. Einigen geht der Tod des kleinen Mädchens so nahe, dass sie eine Trauergruppe gegründet haben. Jeden Mittwochnachmittag treffen sich eine Handvoll Leute im Café Mittenmang am Stübenplatz. „Um unsere Trauer zu verarbeiten, aber auch, um nach vorn zu schauen“, erklärt Initiatorin Anne Böhm. Die Wilhelmsburgerin hatte nach dem Todesfall spontan einen Trauermarsch organisiert.
Zu den Treffen kommen einige, die Chantal gekannt haben oder die Anne Böhm kennen. Manche sind einfach aus Interesse dabei, andere weil sie etwas tun wollen – gegen vernachlässigte Kinder, gegen miese Pflegeeltern, gegen unfähige Jugendamtsmitarbeiter, kurz: gegen Missstände aller Art. „Vor allem wollen wir wachrütteln“, sagt Böhm.
Mit dabei ist auch Karl-Heinz Rank, Großvater von Lara Mia. Das Baby starb 2009 an Unterernährung, seine Mutter Jessica wurde zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Auch in diesem Fall hatte das Jugendamt nichts bemerkt. „Ich bin gespannt, ob auch diesmal nicht gegen das Jugendamt ermittelt wird“, so Rank.
Die Trauergruppe beschränkt sich jedoch nicht aufs Reden, sondern handelt auch: Neben dem Haus, in dem Chantal starb, haben sie eine Gedenkstätte errichtet, mit Grabkerzen, Blumen und Stofftieren. „Doch Sylvia L., die Pflegemutter, entfernt alles sofort wieder. Angeblich bringt sie es auf den Friedhof, doch da ist nichts!“, berichtet Böhm fassungslos. Ein regelrechter Kleinkrieg habe sich um die Gedenkstätte entwickelt: Kerzen und Blumen vors Haus, zwei Stunden später ist alles entfernt, am nächsten Tag wird alles wieder aufgebaut. Seit zweieinhalb Wochen geht das nun so. Böhm: „Warum lässt die das nicht so?“
Dass Sylvia L. vielleicht ihre Gründe hat und auf ihre eigene Weise trauert, davon will die Gruppe nichts wissen. „Die trauert überhaupt nicht“, sind sich alle einig.
Bis zum 16. März sollen die Kerzen noch brennen. Danach will sich die Gruppe anderswo einbringen. Böhm: „Das geplante Hospiz in Harburg, gegen das zurzeit Anwohner protestieren, braucht beispielsweise Unterstützung!“

Die Trauergruppe „Eltern aus Wilhelmsburg“ trifft sich mittwochs um 16 Uhr im Café Mittenmang, Veringstraße 14. Jeder ist willkommen! Im Internet kann man sich bei Facebook (Stichworte „Schützt unsere Kinder, Jugendamt“) über die Aktivitäten der Gruppe informieren.
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.