„Keiner hat mir Beileid gewünscht“

Sylvia L. will mit ihrer Familie aus Wilhelmsburg wegziehen. „Hier können wir nicht bleiben“, sagte sie dem Wochenblatt. Foto: sd

Chantals Pflegemutter Sylvia L. (47) sprach mit dem Wochenblatt

Vor fünf Wochen starb die elfjährige Chantal in der Wohnung ihrer Pflegeeltern an einer Methadonvergiftung. Bis heute ist unklar, wie das Kind an den Heroin-Ersatzstoff gelangen konnte. Im Visier der Ermittler: die drogensüchtigen Pflegeeltern, beide Methadon-Konsumenten. Doch bei der Wohnungsdurchsuchung wurde kein Methadon gefunden, nur in der Garage stellte die Polizei 31 Tabletten sicher. „Die war aber durch eine doppelte Stahltür gesichert“, betont Pflegemutter Sylvia L. in einem Exklusivinterview mit dem Wochenblatt.
Bis heute könne sie sich nicht erklären, wie Chantal an das Methadon gelangte. Weder ihre beiden leiblichen noch die Pflegekinder hätten gewusst, dass die Eltern substituiert werden. „Und natürlich lagen keine Pillen herum“, versichert sie.
Nach dem tragischen Todesfall zog die Familie vorübergehend weg, zu groß war die öffentliche Aufmerksamkeit. Die Kinder kamen in ein Kinderhaus. „Wir wollten das, um sie zu schützen“, betont L.. „In Wilhelmsburg konnten wir nicht bleiben, wir wurden von der Presse dermaßen belagert und von den Leuten angefeindet.“ Keiner im Viertel hätte ihr Beileid gewünscht, stattdessen – Beschimpfungen. Nachbarn hätten plötzlich mit dem Finger auf sie gezeigt und wären über sie hergezogen – für ein paar lumpige Euro von den vorm Haus herumlungernden Reportern. „Aber nur weil ich Methadon nehme, bin ich doch keine schlechte Mutter! Meine Kinder lieben mich, und Chantal habe ich genauso lieb gehabt wie meine anderen Kinder!“In den letzten Wochen konnte sie täglich über ihre Familie in den Zeitungen lesen. Vieles davon stimme nicht. Ein ganz normales Familienleben hätten sie gefährt, tagsüber habe sie eine Fortbildung gemacht, abends sei sie zu Hause bei den Kindern gewesen. Chantal habe mit ihrer Stiefschwester im riesigen 2x2-Meter-Hochbett geschlafen, „weil die Mädchen das so wollten!“, so Sylvia L..
An der angeblichen Verwahrlosung der Wohnung sei nichts dran. „Als der Rettungsdienst am 16. Januar kam, waren wir am Renovieren, deshalb war es so unordentlich“, erklärt sie. Die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt sei gut gewesen. Sylvia L.: „Die wussten, wie es bei uns aussah, und die kamen auch unangemeldet vorbei.“ Dreckig, so versichert die 47-Jährige, sei es bei ihnen nicht gewesen.

Akte „Chantal“: Stand der Ermittlungen
Laut dem vorläufigen Obduktions-Ergebnis hat die am 16. Januar verstorbene Chantal bis zu ihrem Tod keinen Kontakt zu Drogen oder Drogenersatzstoffen gehabt. „Wir gehen davon aus, dass das Mädchen am Vorabend gegen 20 Uhr eine Methadontablette genommen hat“, so Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers. Etwa 20 Stunden später sei der Tod eingetreten. Die Pflegemutter hat angegeben, dass Chantal bereits am Abend des 15. Januar über Übelkeit geklagt habe. Am nächsten Nachmittag habe sie das Kind leblos im Bett gefunden und den Notarzt gerufen. Warum die Elfjährige das Methadon schluckte und wieviel, steht noch nicht fest.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiter. Im Visier: die Pflegeeltern, das Jugendamt und der Träger VSE.
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5 Kommentare
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anne böhm aus Wilhelmsburg | 23.02.2012 | 07:34  
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anne böhm aus Wilhelmsburg | 23.02.2012 | 09:22  
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anne böhm aus Wilhelmsburg | 23.02.2012 | 18:02  
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Désirée Hilberling aus Wilhelmsburg | 24.02.2012 | 21:52  
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Henrik Friske aus Heimfeld | 03.03.2012 | 14:14  
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