Inklusion: Was sich verbessern muss

Miteinander: Die Kampagne „Zusammen leben – zusammen lernen“ will Anstöße in der schulpolitischen Debatte geben. Foto: panthermedia
 
Anna Ammonn ist Mitinitiatorin der Kampagne. Foto: pr

Schule: Fachleute und Prominente setzen sich mit einer Kampagne für gemeinsames Lernen ein – das Interview im Elbe Wochenblatt

Von Carsten Vitt, Hamburg-Süd

Jedes Kind lernt auf seine eigene Weise und nach seinem eigenen Tempo. Die Kampagne „Zusammen leben – zusammen lernen“ setzt sich für eine Schule ein, die Unterschiede und Vielfalt als Chance begreift – das Elbe Wochenblatt sprach mit Anna Ammonn, einer der Initiatorinnen.

Elbe Wochenblatt: In Hamburg gibt es seit mehreren Jahren Schulen, die nahezu alle Kinder aufnehmen und unterrichten – Stichwort: Inklusion. Warum diese Kampagne?
Anna Ammonn: Leider ist es nicht so, dass es eine Schulart in Hamburg gibt, die fast alle Kinder aufnimmt. 60 Prozent aller Kinder werden Jahr für Jahr an den Gymnasien angemeldet, Tendenz steigend.Die Kinder mit Förderbedarf und auch der allergrößte Teil der Kinder mit Migrationshintergrund sind aber nicht an den Gymnasien, sondern an den Stadtteilschulen. Das bedeutet, dass ein sehr kleiner Teil der Hamburger Schülerinnen und Schüler dafür sorgen sollen, dass auch Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf und der allergrößte Teil der neu nach Hamburg zugewanderten Kinder integriert werden. Ein Schulsystem, das der einen Säule – also Stadtteilschulen – die gesamte Integrationsaufgabe überlässt, während die andere Säule – die Gymnasien – die Schüler abschult, wenn sie nicht den Leistungen entsprechen, ist nicht gerecht. Wir wollen konkrete Schritte für weniger Ausgrenzung und mehr gemeinsames Lernen an den Schulen initiieren.

EW: Wo sehen Sie Schwachstellen in der Ausrichtung der Schulen?
Ammonn: Die Schulen in Hamburg sind auf die anspruchsvolle Aufgabe von Inklusion nicht ausreichend vorbereitet, und zwar nicht nur materiell und personell. Über diese notwendige Grundlage hinaus muss sich die Schule den Bildungs- und Erziehungsbedarfen der Kinder anpassen. Der Unterricht muss so gestaltet werden, dass alle Schüler ein Lernangebot vorfinden, in dem alle ihre Potenziale zur Entfaltung gebracht werden können – im fachlichen, methodischen und im sozialen Bereich. Zu viele Schulen arbeiten noch nach dem umgekehrten Prinzip: Wenn das Kind die vorgegeben Leis-tungsziele nicht erreicht, wird es ausgesondert.

EW: Sind Sie für oder gegen den Fortbestand der jetzigen Sonderschulen?
Ammonn: Die Kampagne ist keine Kampagne um die Schulstruktur. Wir wollen die Herzen und Köpfe der Menschen dafür gewinnen, dass „zusammen lernen“ für die Kinder besser ist als das Auseinandersortieren. Das wird dann auch Folgerungen für die Schulstruktur haben, die die verantwortlichen Politiker ziehen müssen. Inklusion bedeutet für uns, dass alle Kinder willkommen sind und gemeinsam lernen. Wir wissen, und die Wissenschaftler in unseren Reihen können das beweisen, dass kein Kind schlechter lernt, wenn es mit Kindern unterschiedlicher Begabungen und Fähigkeiten zusammen lernt – im Gegenteil.

EW: Was sind konkrete Forderungen ihrer Initiative?
Ammonn: Was die materielle Seite angeht, stehen wir hinter den Forderungen der „Volks-initiative Gute Inklusion“. Im Kern heißt das, dass die Schulen mehr Fachpersonal und eine bessere räumliche Ausstattung brauchen, damit gute Inklusion möglich wird. Das funktioniert allerdings auch nur, wenn es eine grundsätzliche Haltung dafür gibt, die Idee des gemeinsamen Lernens von der Kita bis zum jeweiligen Schulabschluss zu verankern. Dafür wollen wir einen breiten gesellschaftlichen Dialog initiieren. So wie es ist, kann es nicht weiter gehen. Nirgends in der EU sonst ist der Schulerfolg eines Kindes so eng an seine Herkunft gekoppelt. Wir haben bekannte Hamburgerinnen und Hamburger aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Kultur gefunden, die diese Kampagne unterstützen und die Fahne für das gemeinsame Lernen aller Schülerinnen und Schüler mit hochhalten. Sie wollen wir zu Wort kommen lassen. 


Die Kampagne

In der Kampagne „Zusammen lernen – zusammen leben“ engagieren sich Lehrer aus Grund-, Gesamt- und Stadtteilschulen. Ziel ist, eine Diskussion über das gemeinsame Lernen an Schulen anzustoßen. Unterstützer der Kampagne sind unter anderen der Wilhelmsburger Marvin Willoughby vom Basketballclub Hamburg
Towers, der ehemalige Bürgermeister Ole von Beust, Liedermacher Rolf Zuckowski, Unternehmer Cord Wöhlke und Schauspielerin Hannelore Hoger.

www.zusammenzusammen.de
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