„Hier haben Elstern gebrütet!“

Ob sich in diesen Bäumen Vogelnester befunden haben, kann man nicht mehr sehen.
 
Nach dem radikalen Baumbeschnitt sind Manuela Knaack, Nadine Horn und Tochter Emily und Gisela Röck (v.l.) entsetzt darüber, dass Vögel und Eichhörnchen in ihrem Innenhof ihr Zuhause verloren haben.

Dahlgrünring: Bezirksamt genehmigt starken Baumbeschnitt mitten in der Brutzeit der Vögel – Anwohner sind entsetzt

Mitten in der Brut- und Setzzeit rattern im Innenhof der Wohnanlage Dahlgrünring 10-16 die Kettensägen. Arbeiter kappen die Äste von elf großen Weiden. „In diesem Baum war ein Vogelnest“, sagt Gisela Röck entsetzt und zeigt auf die Weide direkt vor ihrer Terrasse, die jetzt aussieht wie ein Totem-pfahl. „Die Arbeiten können in der Brutzeit doch nicht legal sein. In unserer Gartenanlage dürfen wir keine Hecke mehr schneiden.“ Auch Röcks Nachbarn sind schockiert. „Hier haben Elstern gebrütet“, sagt Nadine Horn, die mit Töchterchen Emily im Innenhof spazieren geht. „Meine Tochter hat immer beobachtet, wie sie ihr Nest bauen. Jetzt sind alle weg.“
Als sie die Arbeiten bemerkte, wandte sich Gisela Röck gleich an ihren Hausmeister. „Er sagte, es handelt sich um eine Notaktion, weil Äste runterzufallen drohten“, berichtet sie. Das sei aber schon seit Monaten der Fall, erzählt Röck. Sie versteht nicht, warum ihr Vermieter, die Vereinigte Hamburger Wohnungsbaugenossenschaft (VHW), die Arbeiten nicht vor dem 1. März erledigt hat. Ab diesem Zeitpunkt fangen Vögel an zu brüten. Baumfällungen und starke Rückschnitte von Ästen sind dann nach dem Bundesnaturschutzgesetz verboten.
Der Naturschutzbund BUND kritisiert die Aktion. „Das war eine große Schlamperei“, sagt Sprecher Paul Schmid. „Wenn von einem Baum eine konkrete Gefahr ausgeht, sieht man das schon im Herbst.“ Die Weiden sind zwar fachgerecht zurück-geschnitten worden, der Schnitt gehöre aber in die Winterzeit, so der Naturschützer. Sollten Anwohner Beweise dafür vorliegen, dass in den Bäumen Vögel genistet haben, zum Beispiel in Form von Fotos, könnten sie Strafanzeige stellen.
Tatsächlich waren die Arbeiten trotz Brutzeit legal, denn das Bezirksamt Hamburg Mitte hat den Baumbeschnitt im Dahlgrünring genehmigt. Gleichzeitig habe man den Antragssteller jedoch auf die zu beachtenden artenschutzrechtlichen Punkte hingewiesen, sagt Sprecherin Sorina Weiland. Nach Abschluss der Arbeiten sei zudem ein Mitarbeiter vor Ort gewesen. „Er konnte keine belegten Nester feststellen und hat mitgeteilt, dass die Maßnahmen fachgerecht ausgeführt worden sind“, so Weiland.

Das sagt der Vermieter VHW:
Laut Vermieter Vereinigte Hamburger Wohnungsbaugenossenschaft (VHW) waren die Schnittarbeiten dringend notwendig, weil die Bäume von Fäulnis angegriffen waren und Äste drohten abzubrechen. Das sei bereits im Januar bei regelmäßig stattfindenen Kontrollen aufgefallen. „Da unmittelbar an den Bäumen Gehwege vorbeiführen, die insbesondere auch von Kindern wegen der benachbarten Schule und dem Spielplatz genutzt werden, mussten die Arbeiten schnell ausgeführt werden“, sagt Sprecherin Annika Patzelt. Die VHW habe schon im Februar einen Antrag gestellt, um den Rückschnitt noch rechtzeitig vor der Vogelschutzzeit zu erledigen, doch die Genehmigung des Bezirksamtes kam erst im April – und zwar als Sondergenehmigung mit Auflagen zum Schutz wildlebender Tiere. „Vor Beginn der Arbeiten erfolgte an zwei Tagen eine Sichtung der Bäume nach Nestbauaktivitäten von wildlebenden Vögeln und anderen Tieren. Nestbauaktivitäten sind dabei nicht festgestellt worden. Wir können daher mitteilen, dass zu keiner Zeit Gefahr für wildlebende Tiere bestand“, so Patzelt weiter.
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1 Kommentar
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Moritz Krauß aus Wilhelmsburg | 08.05.2014 | 16:55  
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