Elbinsulaner krempeln die Ärmel hoch

Yilmaz Yildirim, Ipek Baran und Johanna Mertens (v.l.) verbringen seit Wochen einen großen Teil ihrer Freizeit damit, in der Kleiderkammer mit anzupacken und die Einsätze der Ehrenamtlichen, die sich zu der Initiative „Die Insel hilft“ zusammengefunden haben, zu koordinieren. „Eigentlich wollte ich nur wissen, wo ich meine Klamotten abgeben kann“, erzählt Mertens und fügt schmunzelnd hinzu: „Aber bisher bin ich noch gar nicht dazu gekommen, irgendetwas auszusortieren.“
 
Mitte September zogen die ersten Flüchtlinge in das leerstehende Schulgebäude im Karl-Arnold-Ring 11

Initiative „Die Insel hilft“ eröffnet Kleiderkammer für Flüchtlinge in Kirchdorf-Süd und plant weitere Aktionen

Freitagmorgen, 10 Uhr, Erlerring 1: Vor dem kleinen Saga-Pavillon mitten in der Hochhaussiedlung Kirchdorf-Süd sitzen etwa 20 Menschen, eine Frau hält ein Baby auf dem Arm, Kinder laufen herum. Seit rund einer Woche warten täglich Flüchtlinge aus Syrien, Iran, Irak und anderen Ländern vor der kleinen Kleiderkammer, um sich mit warmen Jacken, Unterwäsche, Schuhen und Schampoo einzudecken. Betrieben wird die Einrichtung von der Initiative „Die Insel hilft“, zu der sich eine Gruppe Wilhelmsburger zusammengeschlossen hat, nachdem die Innenbehörde Mitte September per Sofortprogramm eine sogenannte zentrale Erstaufnahme in der leerstehenden Schule Karl-Arnold-Ring eingerichtet hat.
Ipek Baran engagiert sich seit Beginn an in der Initiative. „Als ich gehört habe, die Unterkunft kommt, war mir gleich klar, ich will helfen“, sagt die 25-Jährige. Schließlich kamen auch ihre Eltern und sieben Geschwister als kurdische Flüchtlinge nach Deutschland.
Vor ein paar Wochen fragte die junge Frau aus Kirchdorf-Süd per Facebook-Post, ob Leute auf der Elbinsel für Flüchtlinge spenden wollten, bekam 500 Antworten und brachte eine Lawine ins Rollen. Mittlerweile hilft die Mutter einer Vierjährigen dabei, den Einsatz von etwa 70 Ehrenamtlichen zu koordinieren.
Die Helfer haben in der Unterkunft bereits ein Spielzimmer für Kinder eingerichtet und geben vor Ort Deutschkurse. Sportkurse, Patenschaften und eine Flüchtlingssprechstunde soll es auch bald geben.
„Die Kleiderkammer ist unser größtes Projekt“, erklärt Kesbana Klein. Sie lebt in Kirchdorf-Süd, engagiert sich seit vielen Jahren im Quartier und sitzt seit kurzem für die SPD in der Bezirksversammlung. Klein ist begeistert von der Spendenbereitschaft der Wilhelmsburger und davon, dass in der Kleiderkammer auch zwei junge Männer aus der Unterkunft anpacken. „Die Menschen dort wollen was zu tun haben. Sie freuen sich, dass sie mithelfen können“, sagt Klein. Genug Arbeit gibt es: Der kleine Pavillion, den die Saga den Helfern kurz-fristig zur Vergügung gestellt hat und in dem sie wochentags von 10 bis 13 Uhr Kleidung an die Flüchtlinge herrausgeben, platzt aus allen Nähten, auch ein zusätzlicher Container ist fast voll. „Wir brauchen dringend eine Halle, in der wir die Spenden sortieren können“, sagt Klein. Denn der Bedarf bleibt groß: Immer mehr Menschen flüchten aus Krisengebieten nach Deutschland – viele von ihnen nur mit dem Nötigsten im Gepäck.


Info: Zentrale Erstaufnahme Karl-Arnold-Ring
In dem Schulgebäude am Karl-Arnold-Ring 11 leben zurzeit 244 Personen, darunter 58 Frauen und 112 Männer sowie 74 Kinder und Jugendliche, davon 14 Babys. Sie sollen in der sogenannten zentralen Erstaufnahme (ZEA) bleiben, bis über ihren Asylantrag entschieden ist. Nach Angaben der zuständigen Innenbehörde, sind pro Klassenraum 15 Personen untergebracht, wobei es Räume für Familien und einen Trakt für Alleinstehende gibt. Nachdem eine Bewohner-Gruppe vor Kurzem gegen unzumutbare Wohnbedingungen vor Ort protestiert hatte – dabei ging es vor allem um zu wenige Duschen, harte Feldbetten, Mängel in der Essensversorgung und keine getrennten Schlafräume für Männer und Frauen – hat die Behörde nun nach eigenen Angaben nachgebessert. Die Feldbetten wurden gegen Doppelstockbetten ausgetauscht, die Dusch- und WC-Container auf insgesamt zehn Stück aufgestockt und die Essensausgabe wurde verbessert. Zudem werde in Kürze ein separates Zimmer für alleinstehende Frauen eingerichtet.
Hamburgweit spitzt sich die Lage weiter zu: Nach Angaben der Innenbehörde hat sich die Zahl der Flüchtlinge von Ende Juni bis Anfang Oktober von 1.464 auf 2.721 fast verdoppelt. Weil es trotz der Aufstockung der Erstaufnahmen auf mittlerweile fünf Standorte weiter zu wenig Schlafplätze gibt, müssen zurzeit über 200 Personen in Zelten schlafen. Die Mitarbeiter vor Ort seien an der Grenze ihrer Belastbarkeit, so ein Sprecher der Behörde. Laut Gesetz müssen Flüchtlinge die ZEA nach spätestens drei Monaten verlassen, doch es mangelt auch an Plätzen in Folgeunterkünften. Ein neues Flüchtlingsdorf für 126 Bewohner entsteht gerade im Kurdamm, im November soll es bezugsfertig sein. In der Sanitasstraße werden voraussichtlich im zweiten Quartal nächs-ten Jahres 132 Menschen in Modulhäuser ziehen. Außerdem will die Behörde bis zu 120 Personen in Wohncontainern auf dem Park-and-Ride-Platz auf der Veddel unterbringen.


Infoveranstaltung
Für Montag, 20. Oktober, um 18 Uhr laden die zuständigen Behörden gemeinsam mit dem städtischen Betreiber der Flüchtlingsunterkünfte „fördern und wohnen“ zu einer öffentlichen Infoveranstaltung ins Bürgerhaus Wilhelmsburg, Mengestraße 20, ein. Neben der Flüchtlingsunterkunft im Karl-Arnold-Ring wird auch die Erstaufnahme in der Dratelnstraße Thema sein. Anfang dieser Woche sind die ersten 80 Flüchtlinge hier eingezogen – darunter auch einzelne Familien aus dem Karl-Arnold-Ring. Die auf dem ehemaligen igs-Parkplatz aufgestellten Wohncontainer bieten Platz für bis zu 240 Menschen. Die Behörden wollen auch über das Flüchtlingsdorf am Kurdamm und die in der Sanitasstraße und auf der Veddel geplanten Unterkünfte informieren.


Was wird noch gebraucht?
Zurzeit braucht die Initiative vor allem mehr Platz. Wer eine Halle zum Sortieren der vielen Spenden zur Verfügung stellen kann, erreicht die Initiative unter mail@inselhilfe.org oder montags bis freitags zwischen 11 und 17 Uhr unter Tel. 80 00 70 10. Auch interessierte Ehrenamtliche, die zum Beispiel Ideen für weitere Hilfsangebote haben, können sich dort melden.
Zudem werden noch Kleidung und Schuhe für Männer, Unterwäsche, Socken und warme Winterklamotten gebraucht. Die Spenden können wochentags zwischen 16 und 19 Uhr im Erlerring 1 abgegeben werden.
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