Elbinsel-Geschichte im Hausflur

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Hausbesitzer und Hobby-Historiker: Ralf Komossa hat die Geschichte seines Hauses recherchiert. Foto: cvs

Niedergeorgswerder: Wie ein Hausbesitzer zum Wilhelmsburg-Historiker wurde

Von Ch.v.Savigny, Wilhelmsburg

Eigentlich wollte sich Ralf Komossa „nur“ ein Haus kaufen, als Geldanlage für später, wie er selbst sagt. Was dann jedoch folgte, war ein halbes Geschichtsstudium: Besuche auf dem Katasteramt, Spurensuche in Geschichtswerkstätten, Interviews mit Zeitzeugen. Sogar Sütterlin lernte Komossa zu entziffern. Alles für ein Haus – für sein Haus am Niedergeorgswerder Deich 49.
„Inzwischen“, sagt Komossa, der in Eilbek lebt, „bin ich halber Wilhelmsburger geworden!“ Seine Recherchen pflastern das Treppenhaus, als Ausstellung für seine Mieter sozusagen: Lauter Fotos, Zeittafeln und Texte, die sich mit der Geschichte seines Hauses aus dem Jahr 1896 beschäftigen.
Von Beruf ist Komossa Hausverwalter, doch der Hauskauf in Georgswerder im Januar 2001 war eine rein private Angelegenheit. Wieviel er damals dafür bezahlt hat, will Komossa nicht sagen. Nur soviel: „Für das Geld bekommen Sie es heute nicht mehr!“ Während der Fassaden-sanierung, bei der der Hausbesitzer selbst mit anpackte, geschah es: Die künstlerisch gestalteten Balkonköpfe bröselten weg – und Komossa suchte nach Aufnahmen, wie das Ganze früher einmal ausgesehen haben konnte, um den Schaden möglichst originalgetreu beheben zu können.
Dabei habe er Blut geleckt, berichtet er. In den Unterlagen des Grundbuchamtes entdeckte er den ersten Besitzer des Grundstücks, einen Hamburger Zimmermann. Weitere geschichtliche Details folgten: Anfangs, so Komossa, seien die Stuben noch mit Gaslampen beleuchtet gewesen, das Klo eine Sickergrube hinterm Haus. Im Hof hielten die Bewohner Kleintiere und Ziegen – daher der alte Name „Ziegenbek“ für Georgswerder.
Während des Zweiten Weltkriegs brannte das Gebäude völlig aus, 1948 wurde es wieder aufgebaut. Im Jahr 1950 bekam es – als erstes Haus in der ganzen Straße – eigene Spültoiletten. In der Wilhelmsburger Geschichtswerkstatt entdeckte Ralf Komossa ein Foto eines Hubschraubers, der im Februar 1962 – während der großen Sturmflut – praktisch genau vor der Hausnummer 49 landet. Ein Highlight seiner Sammlung.
In dem Altbau am Niedergeorgswerder Deich leben heute hauptsächlich Familien mit Kindern. Auch drei Studenten-WGs gibt es. Geschichtsforschung und Haussanierung sind abgeschlossen – erstmal. „Bei so einem alten Haus können Sie nie sagen, Sie sind fertig“, sagt Komossa.
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