Eine ganz besondere Konfitüre

Michael Kohn (l.) und Thomas Wiechmann verkaufen jeden Sonnabend Marmelade, Senf und Pesto auf dem Wochenmarkt. Ehemals ein Geheimtipp, hat sich das Lotsenprojekt im Reiherstiegviertel inzwischen herumgesprochen. Foto: ad (Foto: ad)

Marmeladenprojekt des „Lotsen“ gibt psychisch Erkrankten Halt

von Angela Dietz

Wer an einer seelischen Erkrankung leidet, kann manchmal keinen normalen Job mehr ausüben. Doch viele möchten trotzdem gern aktiv sein. Beispielhaft zeigt der „Lotse“ in der Fährstraße, wie das funktionieren kann. Seit zweieinhalb Jahren führt die Beratungsstelle für psychisch Kranke ihr Marmeladenprojekt durch.
„Das ist heute meine Feuertaufe“, sagt der freundliche Mann am Marmeladenstand auf dem Wochenmarkt am Stübenplatz. Thomas Wiechmann verkauft gemeinsam mit Kollege Michael Kohn die leckeren Fruchtkreationen. Die Werkstattgruppe hat die Beeren selbst gepflückt und dann unter fachkundiger Anleitung eingekocht. Der Lotse legt Wert auf Qualität: Der Fruchtanteil beträgt 75 Prozent. Zum Sortiment gehören übrigens auch Senf und Pesto.
Wiechmann hat eine schwere Netzhauterkrankung und kann kaum noch sehen. Lange hat er gebraucht, bis er sich seelische Unterstüzung holte. Der Kundenkontakt ist für ihn eine große Herausforderung. Kohn dagegen kommt ursprünglich aus dem Verkauf und mag nicht gern in der Küche stehen. „Ich möchte sehen, wie belastbar ich bin“, erzählt er. „Drei Stunden schaffe ich.“
„Jeder wie er kann“, erläutert Malte Johannsen, Sozialpädagoge und fachlicher Leiter beim Lotsen, das Prinzip. „Die Menschen sind produktiv, und es gibt ihnen das Gefühl, nützlich zu sein.“ Jeder, der mitmacht, übernimmt eine Aufgabe, die ihm liegt: Pflücken, Einkochen, Abfüllen, Etikettieren oder eben auf dem Markt verkaufen. Auch der zeitliche Einsatz ist an die Bedürfnisse angepasst. Die Betreuer begleiten die Mitarbeiter nur so viel wie nötig. Einmal in der Woche trifft sich die rund sechsköpfige Gruppe mit Ergotherapeutin Iris Volkmann, die auch in Sachen Hauswirtschaft fit ist und die Rezepte entwickelt.
Die Wilhelmsburger Lotsenstellen in der Fährstraße 70 und 66 sind Depandancen des Vereins „Der Hafen“. Laut Sozialpädagoge Johannsen verzeichnen die Krankenkassen einen Anstieg der seelischen Erkrankungen. „Die gesellschaftlichen Anforderungen sind komplexer geworden, nicht nur in der Arbeitswelt“, erläutert er.
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