Drei Tage kein Lebenszeichen

Freiwillige Helfer bei der Rettung eines Kindes. Foto: pr

15-Jährige bangte nach der Sturmflut um ihren Liebsten – später schrieb sie ein Buch

Als die Sturmflut am 16./17. Februar 1962 weite Teile Wilhelmsburgs unter Wasser setzte, war Ursula Howe noch ein junges Mädchen – 15 Jahre alt und frisch verliebt. Sie selbst kam in der Nacht, in der 340 Menschen starben, glimpflich davon, doch ihr Freund Dieter, der im völlig überschwemmten Kirchdorf wohnte, blieb drei Tage lang verschwunden. Sie fragte sich damals: Ist er gerettet oder hat ihn das eiskalte Wasser im Schlaf überrascht? „Die Sorge um ihn brachte mich fast um den Verstand“, erzählt sie.
Das Haus ihres Liebsten stand in der niedrig gelegenen Elsterweide, und ihr Schwager, der sich von dort zu ihrer Familie durchgeschlagen hatte, erzählte, dass in Kirchdorf „alles Land unter“ sei. Kein Haus wäre mehr zu sehen, nur noch Dächer würden vereinzelt aus den Fluten herausragen. Howe: „Ich war verzweifelt!“
Ursula Howe wohnte damals mit ihren Eltern, Schwester und Schwager in der Weimarer Straße, im Parterre. Als das Wasser in der Nacht immer weiter stieg und langsam zum Fenster hereinsickerte, habe ihre Mutter die Ruhe bewahrt. „Sie sagte nur: Keine Panik, zieh dich an, wir gehen nach oben zu den Nachbarn!“ Die Hilfsbereitschaft sei groß gewesen, sogar ihren kleinen Mischlingshund habe sie in die Nachbarswohnung mitnehmen dürfen. „Ich weiß noch, wie er bellte, weil sein Knust, an dem er eben noch geknabbert hatte, nun im Wasser schwamm“, erinnert sie sich.
Ihre Eltern schickten sie zu Verwandten nach Harburg. Dort harrte sie aus, guckte ständig aus dem Fenster, hielt Ausschau nach ihrem Schatz. In den Kasernen hatte sie sich nach Dieter erkundigt, aber weder er noch seine Familie waren auf den ausliegenden Listen der Geretteten geführt. Ihre Sorge wuchs, schon drei Tage hatte sie nichts von ihm gehört – bis zum Morgen des 19. Februar. Howe: „Ich stand wieder mal am Fenster, da stieg er plötzlich seelenruhig an der gegenüber liegenden Haltestelle aus dem Bus!“ Das Paar fiel einander in die Arme, überglücklich. Was beide nicht gewusst hatten: Dieter war, nachdem er mit einem Schlauchboot vom Hausdach gerettet worden war, in einer Kaserne untergebracht – in unmittelbarer Nähe zu seiner Ursula. Ein Jahr später wurde sie schwanger, und Dieter führte seine Braut zum Altar.

Ursula Howe: Schwamm drüber – Erinnerungen. 160 Seiten, 13,80 Euro; Erhältlich in der Buchhandlung Lüdemann, Fährstraße 26.
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