„Die Mohammed-Karikaturen sind sehr beleidigend“

Sümeyye Sarikaya (l.) und Emre Delieli engagieren sich in der Veddeler Vatan Camii Moschee.

Das Elbe Wochenblatt sprach mit den Veddeler Jugendgruppenleitern Emre
Delieli und Sümeyye Sarikaya über den Islam, Pegida und die Anschläge in Paris

Der Islam steht mehr denn je im Fokus: In Dresden gehen Tausende gegen eine vermeintliche Islamisierung auf die Straße, der islamistische Terroranschlag in Paris hat die Weltgemeinschaft schockiert. Wie fühlen sich Muslime in dieser Situation? Das Elbe Wochenblatt hat mit Sümeyye Sarikaya (23) und Emre Delieli (20) gesprochen. Die Erzieherin und der Tourismuskaufmann sind Mitglieder der Veddeler Vatan Camii Moschee und leiten ehrenamtlich Jugendgruppen der Gemeinde.

• Wie haben die Jugendlichen in Ihren Gruppen auf die Anschläge in Paris reagiert?
Sümeyye Sarikaya: Sie waren erschüttert. Auch wegen der Karikaturen, die sehr beleidigend sind. Das was in Paris passiert ist, ist natürlich nicht akzeptabel. Es ist aber genauso unakzeptabel, die Tat eines einzelnen der gesamten islamischen Religionsgemeinschaft vorzuwerfen.

• Finden Sie dass Mohammed-Karikaturen nicht veröffentlicht werden sollten?
Sarikaya: Ja. Ich empfinde die Karikaturen als beleidigend und verletzend. Einen Propheten, der in der Religion einen wichtigen Stellenwert hat, in einer beleidigenden Art und Weise darzustellen, verletzt die Würde eines jeden Menschen. Eigentlich müsste ich gar nicht drauf achten. Aber es ist trotzdem respektlos. Natürlich gibt es Meinungsfreiheit. Aber wenn es um Juden geht, dann gibt es auf ein Mal keine Meinungsfreiheit. Dann ist es Antisemitismus und ein Tabuthema. Wenn es um Muslime geht, dann können sehr viele was sagen und das machen sie auch. Das verstehe ich nicht.
Emre Delieli: Ich sehe das auch so. Ich bin auf jeden Fall gegen solche terroristischen Anschläge, aber selbstverständlich auch gegen die Karikaturen.

• Haben Sie zurzeit das Gefühl, Sie müssten sich für Ihren Glauben rechtfertigen?
Sarikaya: Ja, das Gefühl habe ich aber schon immer gehabt. Ich musste mich immer rechtfertigen. Warum ziehst du dich so an? Warum isst du kein Schweinefleisch? Solche Fragen kommen immer. Ich antworte Menschen gerne, solange sie ernsthaftes Interesse zeigen.
Delieli: Also ich bin nicht genervt. Ich mag es, Leute aufzuklären. Wenn ich angegriffen werde, frage ich erst mal, worauf stützt du deine Thesen? Wieso sagst du so etwas, nur weil du von den Medien so etwas hörst? Da wird nur die eine Seite gezeigt.

• Halten Sie die Berichterstattung über Muslime für einseitig?
Delieli: Selbstverständlich.
Sarikaya: Es gibt immer die Basis: Der Islam ist nicht friedlich. Ich habe noch keine Dokumentation gesehen, in der gesagt wird: „Wow, der Islam ist echt schön.“ Es heißt immer nur, der Islam verbietet das und akzeptiert dies nicht und verübt Attentate. Wer keinen Kontakt zu Muslimen hat, der kennt den Islam nur vorurteilhaft, wie es die Medien vorgeben.

• Was empfinden Sie angesichts der Proteste von Pegida?
Sarikaya: Mich macht das sehr traurig. Ich stelle mir die Frage: Was haben diese Menschen so Schlimmes erlebt, dass sie gegen den Islam sind? Die müssen doch was erlebt haben. Aber bei den meisten ist das bestimmt nicht der Fall gewesen. In Dresden leben nur 0,4 Prozent Muslime. Die Menschen dort kennen den Islam gar nicht. Die hatten überhaupt keinen Kontakt mit Muslimen. Die können gar nicht wissen, wie ein Muslim ist. Deswegen sind sie auch dagegen. Weil sie nur durch die einseitige Berichterstattung in den Medien beeinflusst werden.
Delieli: Ich habe Mitleid mit den Menschen. Sie verschwenden ihre Zeit und demonstrieren gegen etwas, dass keine Gefahr für sie ist. Es gibt nicht nur die radikal-islamischen Muslime aus Syrien, die sie aus den Medien kennen. Wichtig ist, wie die Menschen in Deutschland sind, wie die Muslime hier mit Nicht-Muslimen zusammenleben. Man sollte die Menschen in der Nachbarschaft kennenlernen und nicht das glauben, was man im Fernsehen hört und sieht.




Kommentar von Anna Sosnowski

Mohammed-Karikaturen – muss das sein?
Ja, eine aufgeklärte Gesellschaft muss sie ertragen können, auch wenn sicher nicht jeder über diese Art von Satire lachen kann. Über guten Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, über Presse- und Meinungsfreiheit nicht. Dieser Grundpfeiler unserer Demokratie ist nicht verhandelbar.
Soweit so gut. Jetzt wird es heikel: Muslime erheben den Vorwurf, dass jeder schamlos ihre Gefühle verletzten darf, sich jedoch niemand traut, auch über Juden zu lachen. Bei allem gebührenden Respekt: Das ist falsch! Die Zeichner von Charlie Hebdo haben sich nicht nur den Islam vorgeknöpft. Sie machen Satire gegen alles und jeden – das ist ihr Prinzip. Und ja, auch das Judentum bekommt sein Fett weg. Ob jede Zeitung solche Karikaturen nachdrucken muss, ist eine andere Frage. Die sollte jedoch jede Redaktion für sich beantworten. Alles andere ist Zensur.
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2 Kommentare
6
Ulf Herrman aus Wilhelmsburg | 04.02.2015 | 17:41  
161
Jörn Frommann aus Wilhelmsburg | 05.02.2015 | 15:02  
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