Die große Sturmflut - Erinnerungen 50 Jahre danach

Wenn die Elbe bei Sturm Teile des Deiches unter Wasser setzt, wie hier, kommt die Angst vor einer neuen Flut hoch.
Hamburg: Ziegelerstraße | Die Nacht zum 17. Februar 1962 begann mit einem ganz normalen Freitagabend. Ein stürmischer Abend, aber die Herbst- und Frühjahrsstürme fegen oft über die Flussinsel Wilhelmsburg hinweg. Bis zu diesem Zeitpunkt dachte sich kein Wilhelmsburger etwas dabei.
Das änderte sich jedoch in dieser Nacht. Sie machte deutlich, dass Wilhelmsburg eine Elbinsel ist, umgeben von Deichen. Die Orkanböen drückten das Wasser der Nordsee in die Elbe. Die schützenden Deiche hielten dem Druck nicht stand und brachen. Womit kein Wilhelmsburger gerechnet hat trat ein: Wilhelmsburg wurde überflutet!
In einigen Gebieten der Elbinsel stand das Wasser gut 2 Meter hoch in den Straßen. Ich war zwar noch ein Kind, aber die Erinnerungen lassen mich nicht mehr los. Wir hatten Glück und wohnten im 1. Stock in der Ziegelerstraße. Meine Eltern, Großeltern und wir zwei Kinder hatten 4 Zimmer, die größte Wohnung im Haus. Unsere Nachbarn aus dem Erdgeschoss konnten sich zu uns retten. Ihre Wohnung stand in kürzester Zeit gut 1 ½ - 2 Meter unter Wasser. Sie konnten nur das retten, was sie am Leib trugen.
Es war kalt. Damals hatten wir Kohleöfen und das Brennmaterial war im Schuppen im Hof gelagert. Unerreichbar. Der wenige Vorrat, den wir in der Wohnung hatten, musste eingeteilt werden. Keiner wusste, wie lange das Wasser bleiben würde. Also trafen sich alle Nachbarn des Hauses, es gab 5 Wohnungen, bei uns. Aller Vorrat an Brennmaterial und Lebensmittel wurde zusammengetragen. Geheizt wurde nur das Wohnzimmer.
Der Blick aus dem Fenster war ein Horrorszenarium. Knapp 1, 50 Meter unter dem Fenster tobte die dunkle Brühe. Holz, Kleidungsstücke, Gegenstände schwammen am Fenster vorbei.
Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich mir keine Gedanken darüber gemacht was es heißt auf einer Insel zu wohnen. Ich war ein Kind und hatte keine Ahnung von den Kräften der Naturgewalten. Damals fand ich es anfangs aufregend gemeinsam mit den Nachbarn bei Kerzenlicht zu sitzen, in einer kalten feuchten Wohnung. Aber nach und nach bekam auch ich den Ernst der Lage mit. Die Angst der Erwachsen vor einer Springflut, von der ich nicht wusste was es ist, steckte auch mich an.
Meine große Schwester war krank. Sie hatte Fieber. Aber an einen Arztbesuch war natürlich nicht zu denken. Da war das Wasser. „Wie lange wird es bleiben?““ Kommt Hilfe?“ „Hält unser Haus stand?“ Das war das Hauptthema zu der Zeit. Lebensmittel, besonders Trinkwasser, wurden knapp. Mein Vater nahm einen alten Schrank auseinander um Feuerholz zu haben. Mit 16 Personen hockten wir in einem ca. 20 qm großen Wohnraum beisammen.
Dann kam endlich Hilfe. Ich kann heute nicht mehr sagen wie viele Tage wir vom Wasser eingeschlossen waren. Es kam mir endlos lange vor, auch heute noch in meinen Erinnerungen.
Wir mussten aus dem Fenster hinaus in ein schwankendes Schlauchboot. Meine Eltern hatten ein paar wichtige Papiere in einen Beutel gepackt. Mehr konnten wir nicht mitnehmen.
Das Boot brachte uns bis dorthin, wo das Wasser niedrig war und wir in LKWs der Bundeswehr umsteigen konnten. Damit ging es nach Harburg. Eine Schule diente als Notunterkunft. Meine Schwester wurde in ein Krankenhaus gebracht.

Es dauerte einige Zeit bis wir zurück in unsere Wohnung konnten. Aber es war nichts mehr wie vorher. Jeder Sturm weckte Erinnerungen und Angst. Die Angst, vor einer neuen Sturmflut. Erst im Laufe der folgenden Jahre begriff ich das eigentliche Ausmaß der Katastrophe. 222 Menschen verloren ihr Leben auf der Elbinsel. Weit mehr verloren Hab und Gut. Als kleines Kind hat man das nicht wirklich begriffen. Aber, je älter ich wurde, desto tragischer wurden die Erinnerungen. Die Gedanken blieben nicht bei den eigenen Erfahrungen sondern mischten sich mit den Schicksalen der anderen Wilhelmsburger. Ich hatte Glück, meine Familie hat die Schicksalsnacht körperlich heil überstanden. Geblieben ist bis heute die Angst vor einer neuen Sturmflut. Trotzdem ist Wilhelmsburg meine Heimat zu der es mich immer zurück zieht.
50 Jahre sind eine lange Zeit. Viele Zeitzeugen sind inzwischen verstorben, andere haben die Insel verlassen. Trotzdem gibt es sie noch: Wilhelmsburger, die auch nach der großen Flut ihrer Insel treu geblieben sind. Wir haben gelernt mit der Angst zu leben.
Hochachtung und Dankbarkeit empfinde ich auch heute noch für die Menschen, die ihr eigenes Leben einsetzten um uns Wilhelmsburger zu retten.
Ohne Helmut Schmidt hätte die Katastrophe noch größere Ausmaße angenommen. Daher finde ich es schade, dass ihm hier kein Denkmal gesetzt wurde. Ich vermisse die Helmut-Schmidt-Straße oder den Helmut-Schmidt-Platz. Stattdessen bekommen wir „Waterhouses“ vor die Nase gesetzt, die uns die Sturmflut allgegenwärtig machen.
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