Der Männerversteher

Werner Braun (85) mit Betreuer Kai Mußmann (43): „Man schlackert mit den Ohren, was die alles so zu erzählen haben“, sagt der Diakonie-Mitarbeiter. (Foto: Christopher von Savigny)

Immer ein offenes Ohr: Betreuer Kai Mußmann (43) kümmert sich bei der Diakonie Wilhelmsburg um männliche Patienten

von Christopher von Savigny, Wilhelmsburg
Ich war neulich im Hafen“, sagt Kai Mußmann (43). „Wo? Welcher Schuppen?“, fragt Werner Braun (85) aufgeregt. „Schuppen 80? Mensch, da habe ich doch gearbeitet!“ Manchmal braucht es nur ganz wenig, um ein interessantes Gespräch zu beginnen. Und wenn jemand wie Kai Mußmann das Wort an den Senior richtet, freut der sich ganz besonders. Seit eineinhalb Jahren ist Mußmann jetzt für die Tagespflege der Diakonie Wilhelmsburg im Einsatz – zunächst nur als Fahrer, jetzt auch als Betreuer. „Ich kann gut mit Menschen umgehen“, sagt Mußmann.
Dabei sieht der 43-Jährige überhaupt nicht so aus wie der typische Pfleger: Sein Gesicht ist braungebrannt, in beiden Ohren trägt er Ringe. Er ist durchtrainiert, stemmt täglich Gewichte im Fitnessstudio. „Ich brauche das als Ausgleich“, sagt er. Bevor er sein Talent für Gespräche entdeckte, arbeitete er in einem Chemiebetrieb, der Tonerkartuschen produziert. Irgendwann machte es ihm keinen Spaß mehr. „Ich habe mir gesagt: Das kann es doch nicht gewesen sein!“ So meldete er sich auf ein Stellenangebot bei der Diakonie. Heute fährt er den Kleinbus, mit dem die Gäste der Tagespflege abgeholt und wieder nach Hause gebracht werden. In den Stunden dazwischen führt er mit ihnen Gespräche – insbesondere mit den Männern.
Rund 15 Gäste hat die Einrichtung pro Tag, die große Mehrheit davon sind Frauen. Doch mit den üblichen Frauenthemen können Männer wie Werner Braun irgendwann nichts mehr anfangen – die Folge: Sie fühlen sich ausgeschlossen. Das ist der Moment, in dem Mußmann ins Spiel kommt: Zusammen mit seinen Schützlingen liest er Zeitung oder spielt Mensch-ärgere-dich-nicht. Eine Skatrunde ist in Planung. Und Menschen wie Braun, der 33 Jahre lang im Hafen gearbeitet hat, wissen auch allerlei Spannendes zu erzählen. „Manchmal nehme ich mir einfach einen Block und schreibe mit“, berichtet Mußmann.
„Kai Mußmann ist kommunikativ und sympathisch“, sagt Pflegedienstleiter Carsten Schrötter über seinen Mitarbeiter. „Er hat ein Gespür dafür, was die Leute wollen.“
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