„Der ganze Apparat hat versagt“

Edith Franzen mit ihrer kleinen Tochter im Jahr 1963: Nach der Flutkatastrophe zog die Familie nach Hanhoopsfeld. Heute wohnt die Seniorin in Neuwiedenthal. Foto: privat

Edith Franzen (80) berichtet von der Sturmflut-Nacht im Februar 1962

Das Schreien der Tiere und die verzweifelten Rufe der Menschen habe ich noch zehn Jahre später gehört“, erinnert sich Edith Franzen mit einem Schauer. Die 80-Jährige hat die verheerende Flutkatastrophe vom 16. /17. Februar 1962 hautnah miterlebt, das Wasser stand ihr buchstäblich bis zum Hals an diesem grauenhaften Morgen vor 50 Jahren. „Ein Wunder, dass ich überlebt habe, da waren wohl mehrere Schutzengel am Werke“, sagt sie.
Mit ihrem Mann und der zweijährigen Tochter habe sie damals in einem der Behelfsheime am Vogelhüttendeich gewohnt. „Es herrschte schon den ganzen Tag über ein ungeheurer Sturm, mit Windstärken von 10 oder 12“, erinnert sie sich. Am Abend sei der kleine Seitenarm des Veringkanals schon vollgelaufen, und die Gärten der Kolonie standen unter Wasser. Franzen: „Aber es wurde ja in keiner Weise gewarnt, weder im Fernsehen noch im Radio, deshalb sind wir alle seelenruhig schlafen gegangen.“ Keiner habe mit so einer Katastrophe gerechnet.
Etwas mulmig sei ihr schon gewesen, weil der Sturm arg am Holzhaus rüttelte und ihr Mann ausgerechnet an diesem Abend Nachtschicht hatte. „Ich habe dann einfach das Radio angelassen und bin früh eingeschlafen.“ Doch der Schlaf war nicht von langer Dauer: Gegen 2 Uhr trommelte ein Nachbar gegen die Tür, schrie, dass sie raus müsse, weil das Wasser komme. „Ich sah zuerst nur, dass das Radio dunkel war“, berichte Franzen. Stromausfall! Dann der Schock: Wasser drang ins Haus ein, mit einer rasenden Geschwindigkeit. „Ich geriet in Panik, griff meine Tochter, wollte die Tür öffnen. Die ging nach außen auf, doch das Wasser drückte dagegen. Wir konnten uns gerade noch durchzwängen!“ Mit dem Kind auf dem Arm sei sie in Richtung Reichsstraße gelaufen, dann das Unglück: Sie rutschte in einen Graben, stand plötzlich bis zum Hals im Wasser. „Ich schrie um mein Leben!“ Eine Nachbarin zog die beiden in letzter Minute raus, „sonst wären wir ertrunken!“
Mutter und Kind retteten sich in den vierten Stock eines Wohnhauses, die Bewohner versorgten sie mit heißem Tee und trockener Kleidung. „Den Rest der Nacht habe ich aus dem Fenster geschaut, so viele Tote waren da!“ Bis zum Morgen sei keine Hilfe gekommen, später kam die Armee. Franzen: „Da hat der ganze Apparat versagt.“
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