Chantal: Bezirksamt weiter unter Druck

Letzte Woche in der Fährstraße: Michelle (10) und Chantale (6) betrachten Kerzen und Plüschtiere, die für das verstorbene Mädchen hingelegt wurden.

Nach Todesfall: Jugendamt prüft jetzt alle 310 Pflegeeltern im Bezirk

von Ch. v. Savigny
Die Ansammlung von Plüschtieren und Kerzen auf dem Bürgersteig in der Fährstraße lässt Passanten innehalten. Jemand hat gelbe Narzissen in eine kleine Vase gesteckt. „So was schockiert einen natürlich“, sagt Nadine Besztejan aus Kirchdorf, die mit ihren beiden Töchtern unterwegs ist. „Wie kann man ein Kind nur in so eine Familie stecken? Ganz Wilhelmsburg wusste, dass die Eltern mit Drogen zu tun hatten.“
Gut zwei Wochen nach dem Tod der kleinen Chantal (11) aus Wilhelmsburg steht das Bezirksamt Mitte weiterhin schwer unter Druck. Denn nun steht fest, dass die Pflegeeltern des Kindes – anders als zuvor behauptet – selbst drogensüchtig sind. Ermittler hatten 32 Methadon-Tabletten in der Garage der Familie und am Arbeitsplatz des Mannes gefunden. „Wir vergeben Pflegschaften nur an Familien, die nicht drogenabhängig sind“, hatte Bezirksamtsleiter Markus Schreiber noch letzte Woche versichert. „Dieser Grundsatz ist hier offensichtlich nicht beachtet worden.“ Weitere Gelegenheiten, sich zu erklären, hatte Schreiber bei der Sitzung des bezirklichen Jugendausschusses am vergangenen Montag sowie beim Jugend- und Familienauschuss der Bürgerschaft am gestrigen Dienstag (beides nach Redaktionsschluss).
Nach jetzigem Stand der Dinge hatte Chantal, die die 5. Klasse der Nelson-Mandela-Schule besuchte, die Tabletten in der Wohnung ihrer Pflegeeltern eingenommen und war kurz darauf an Atemlähmung gestorben. Die Notärzte konnten ihr nicht mehr helfen. Methadon wird als Ersatzdroge beim Rauschgiftentzug eingesetzt. Den Pflegeeltern wird vorgeworfen, damit gehandelt zu haben.
Als Folge auf den Tod der Elfjährigen überprüft das Jugendamt zurzeit alle gesetzlichen Vormünder der 310 Pflegekinder im Bezirk. Gesucht wird nach Auffälligkeiten in der Akten der jeweiligen Pflegefamilie. Dazu Kersten Altus, gesundheitspolitische Sprecherin der Linke-Fraktion in der Bürgerschaft: „Umfassende Aufklärung ist selbstverständlich und wird von allen gefordert. Voreilige Verurteilungen helfen aber ebenso wenig weiter wie voreilige Abwehrerklärungen. Den ermittelnden Beamten muss ausreichend Zeit gegeben werden, die Umstände des tragischen Todes der elfjährigen Chantal aufzuklären.“
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