Alle sagen:„Mach mal weiter“

Seit Mitte der Achtziger waren sie geschlossen, nun gibt es in den Rialto Lichtspielen seit Mai wieder Filme zu sehen. Foto: Ulrike Schmidt.
 
Bis zum Donnerstag, 31. Oktober, ist hier täglich Programm: der Saal des Rialto. Foto: Ulrike Schmidt
Hamburg: Rialto Lichtspiele |

In den Rialto Lichtspielen ist wieder Leben – vorerst jedenfalls bis zum 31. Oktober!

Von Roger Repplinger. An schönen Tagen stellen sie die Liegestühle vors Rialto. Schräg, damit man noch vorbeikommt. Heute ist es schön. Sonne, Möwen kreischen, gleich liest Rocko Schamoni, der Hipster, weshalb die Frauen, die Eintrittskarten kaufen, hübsch sind und duften. Im Liegestuhl nebenan hat es sich Stephan Reifenrath, nachdem er schnell Zigaretten geholt hat, bequem gemacht. Ihn nennen die Rialto-Freiwilligen, die Bier- und Wasserkisten an uns vorbeischleppen: „General“. Vielleicht sollte man bei diesem Spitznamen statt an Ludendorff und Hindenburg an Buster Keaton denken.
Wir gucken von hier direkt auf auf den Laden, in dem Rialto-Merchandisingartikel verkauft werden: unter anderem Hoodies, T-Shirts, Handtücher, Kaffeetassen und Overalls. Alle mit dem Logo. „Das läuft gut“, sagt Reifenrath, „das Geld brauchen wir.“
Das Rialto, nur um das Gedächtnis aufzufrischen, ist das Kino am Vogelhüttendeich 30 in Wilhelmsburg, weshalb Schamoni die Besucher seiner Lesung gleich vertraulich mit „Willis“ ansprechen wird und mit „natives“, also Ureinwohnern. Das Rialto, 1913 gegründet, stand ab Mitte der 1980er-Jahre leer, das heißt, es stand nicht leer, sondern im letzten Kino Wilhelmsburgs wurden Motorräder, Motoren und Werkzeug gelagert. Reifenrath, der die Firma „Media Solutions“ in der Julius-Ertel-Straße hat, also um die Ecke, ging ein paar Mal zu oft am Rialto vorbei, und kaufte das Kino. Der Zustand war schlecht. Dann wurde das Rialto von Freiwilligen so renoviert, dass der Raum bis Ende Oktober 2013 bespielt werden kann, 180 Tage lang. „Dann machen wir zu, mindestens bis Februar“, sagt Reifenrath. Und dann? Sauggeräusch, eine Rauchwolke und dann, aus den Tiefen des Liegestuhls: „Dann sehen wir mal.“
In den ersten Monaten, Mai, Juni, „lief es zäh“, sagt Reifenrath. Der Mann ist kein Kulturveranstalter, auch die, die das Programm machten, mussten das erst lernen: „Es war viel Arbeit, die richtige Programmstruktur zu finden. In dieser Phase zweifelten auch die Helfer am „Rialto“, seit die Gäste kommen, haben alle gute Laune. „Seit Juni nehmen die Besucherzahlen zu“, sagt Reifenrath. Die Leute wissen jetzt, dass hier was läuft. Ein paar Ideen sind gescheitert: Kinder-Kino- und Kinder-Theatervorstellungen. Das Schulkino dagegen, jeden Vormittag, ist „super“, sagt Reifenrath. Schulen, nicht nur aus der Gegend, suchen sich einen Film aus, Reifenrath schlägt auch mal was vor, etwa die 45-Minuten-Reportagen des NDR, oder großes Kino, und die Kids gucken das an. Mit Lehrkörper. Die „Hamburger Filmnächte“ haben auch nicht gut funktioniert, trotz „Rocker“ von Klaus Lemke und anderen „Hamburgensien“. Das hier ist eben nicht – Hamburg.
Dagegen war „2001 Odyssee im Weltraum“ voll bis unters Dach. Stummfilme mit Livemusik – Cello und Violine – sind ein Brüller: Caligari, Nosferatu, Limelight. Es kommen unter anderem noch Charlie Chaplins „Der große Diktator“, von dem ja gesagt wird, dass Hitler ihn gesehen hat, und Buster Keatons „Der General“. Die Blockbuster, die auch die Großkinos zeigen, laufen nicht richtig gut, aber das beeindruckt Reifenrath nicht: „Wir wollen uns nicht in die Schublade Programmkino stecken lassen, also ziehen wir die Block-
buster durch.“
Zwischen 50 und 150 Besucher kommen immer, egal ob Kino, Konzert – am Sonntag, 29. September, spielen die Wilhelmsburger Musiker des „Café Royal Salonorchester“ – oder Lesung, unter 50 Gästen, „das gibt es nicht mehr“, sagt Reifenrath. Zwei Drittel der Gäste sind „Willis“, ein Drittel kommt aus der Stadt jenseits des breiten Flusses. Das „Rialto“ hat Stammgäste, aus dem Viertel und von drüben. Für Reifenrath ist das Rialto „ein voll geiles Projekt“. Wenn er von der Lesung mit Harry Rowohlt erzählt, wird klar, wie viel Spaß ihm das macht. An den Abenden selbst läuft inzwischen alles ohne den „General“. Die Programmplaner haben es inzwischen auch drauf. Seine Firma hat er ein wenig vernachlässigt, aber da jammert Reifenrath nicht herum.
Das Rialto bekommt keine Förderung, deshalb kriegen die Künstler 60 bis 70 Prozent der Einnahmen, der Rest bleibt beim Haus. Geplant war, dass die Künstler alles bekommen, aber die Renovierung war teurer als gedacht und die Spendenbereitschaft brach mit der Fertigstellung ab. So gab es ein kleines Minus. Reifenrath ist sicher, „dass wir am Ende eine schwarz Null schaffen, vielleicht bleibt sogar was übrig, das spenden wir“. Am 31. Oktober, einem Donnerstag, ist die Abschiedsgala, am Freitag ist Ruhetag, an Sonnabend Beerdigung. „Das wird laut und wild“, verspricht Reifenrath. Dann wird abgesperrt, es bleibt alles drin, bis auf den Projektor, und Reifenrath schnauft durch.
Was die Zukunft anbelangt reißt es ihn hin und her: „Es würde dem Stadtteil gut tun, wenn das Rialto bleibt. Es wäre aber auch charmant, das nach sechs Monaten aufzulösen.“ So wie im Kino irgendwann die Saalbeleuchtung wieder angeht. „Ohne Förderung ist ein Dauerbetrieb nicht möglich“, weiß Reifenrath, dann müssen die Freiwilligen bezahlt werden, dann fallen Steuern für sie an, Krankenversicherung, dann geht es nicht mehr mit Improvisation. Die Aussagen der Mitarbeiter der Kulturbehörde machen keine Hoffnung auf finanzielle Zuwendungen der Stadt. Es bleibt, wenn im Rialto dauerhaft gespielt werden soll, die Renovierung des Dachs als größter finanzieller Klops: 200.000 Euro. Wände und De-cken müssen bleiben, wie sie jetzt sind. Weil mehr Wilhelmsburg nicht geht.
„Alle sagen: Mach mal weiter“, nickt Reifenrath. Auch Rocko Schamoni sagt es am Ende der Lesung. 230, die meisten Willis, klatschen.
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