5.000 Menschen und keine Apotheke

Weil ihre langjährige Inhaberin keinen Nachfolger gefunden hat, hat Veddels einzige Apotheke dicht gemacht.

Für Medikamente müssen Bewohner der Veddel ab sofort nach Wilhelmsburg fahren

Die Regale sind leer, die Lichterkette im Schaufenster ausgeknipst: Die Bahnhof Apotheke Veddel hat geschlossen. Ab sofort müssen sich die rund 5.000 Bewohner der kleinen Elbinsel im benachbarten Wilhelmsburg mit Medikamenten versorgen. „Es ist traurig“, sagt Ilse Meier, eine der letzten Kundinnen. „In diesem Stadtteil verschwindet immer mehr. Was gibt es denn auf der Veddel noch? Nur einen Penny und eine Bäckerei.“ Die Situation sei vor allem für ältere Menschen schlimm, die nun weite Wege auf sich nehmen müssten, meint die Veddelerin Serpil Zordulu. „Und hier gibt es viele Alte“, sagt sie.
Nachdem 1998 die Brücken-Apotheke im Norden der Insel geschlossen hatte, blieb den Veddelern nur noch die kleine Apotheke am Wilhelmsburger Platz. Vergangenen Freitag hat Inhaberin Angela Hoeth sie zum letzten Mal geöffnet. Sie führte die Apotheke, die in diesem Jahr ihr 50-Jähriges Bestehen feierte, 25 Jahre lang und geht nun in den Ruhestand. Einen Nachfolger konnte Hoeth nicht finden. Das Problem: Die Apotheke erfüllt die Anforderungen der Betriebsverordnung nicht mehr. Bisher galt ein Bestandschutz, doch ein neuer Besitzer muss die aktuellen Vorschriften erfüllen. Unter anderem ist der Standort mit etwa 85 Quadratmetern Fläche zu klein, aktuell sind mindestens 110 Quadratmeter vorgeschrieben. „Es gibt aber keine Möglichkeit, die Apotheke auszubauen“, sagt Peter Hoeth, der in den vergangenen Jahren hier gemeinsam mit seiner Frau gearbeitet hat.
Auch wenn ein Umbau möglich wäre, müsste ein neuer Besitzer viel Geld investieren. Das wirtschaftliche Risiko wollte niemand eingehen, so Reinhard Hanpft, Geschäftsführer der Apothekerkammer Hamburg. Von einem Versorgungsnotstand auf der Veddel könne man seiner Ansicht nach dennoch nicht sprechen. Schließlich gäbe es genügend Apotheken in Wilhelmsburg. Tatsächlich verfügt die größere Elbinsel über zehn Apotheken, vier davon befinden sich im benachbarten Reiherstiegviertel. Die nächste liegt rund zwei Kilometer entfernt in der Georg-Wilhelm-Straße und ist drei Bus-Stationen von der Veddel entfernt. Eine weitere befindet sich im Einkaufszentrum am S-Bahnhof Wilhelmsburg. „Wenn man die Situation mit anderen Stadtteilen in Hamburg vergleicht, wie der Innenstadt oder Eimsbüttel, dann ist das dennoch eine missliche Lage“, räumt Hanpft ein.



Nur eine Ärztin auf der Veddel:
Auf der Veddel gibt es keine Fachärzte und seit 2011 nur noch eine Hausärztin, die vier Mal die Woche insgesamt 20 Stunden vor Ort Patienten empfängt. Damit sei die Veddel unterversorgt, sagt Rico Schmidt, Sprecher der Gesundheitsbehörde. „Das halten wir für ein größeres Problem“, sagt er in Bezug auf den Mangel an Apotheken. Diesen Missstand prangere die Behörde seit Jahren an. Etwas dagegen unternehmen könne man jedoch nicht, denn Ärzte können selbst wählen, wo sie eine Praxis aufmachen möchten.
Wie viele sozial schwache Stadtteile, ist auch die Veddel bei Ärzten unbeliebt. Die Kassenärztliche Vereinigung teilt die Meinung der Gesundheitsbehörde nicht. Hamburg sei statistisch gesehen hinsichtlich aller Arztgruppen überversorgt, sagt Jochen Kriens, Sprecher der Kassenärztliche Vereinigung Hamburg (KVH). „Im Fall der Veddel ist anzumerken, dass die Arztdichte in den umliegenden, schnell erreichbaren Stadtteilen höher ist und der Bezirk Hamburg-Mitte zu den bestversorgten Regionen Hamburgs zählt.“ Zudem könne auch die KVH keine Ärzte zwingen, sich auf der Veddel niederzulassen.
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