Im HSV-Museum entdeckt und weiter verfolgt: Sportsmänner die im KZ Neuengamme landeten. Einer als Aufseher, der andere als Gefangener.

Keine Chance gegen die Nazis. Johann "Rukeli" Trollmann (Foto: Archiv Gedenkstätte Neuengamme)
 
Stürmerstar des HSV: Otto "Tull" Harder (Foto: Archiv Gedenkstätte Neuengamme)
Der eine war in den zwanziger Jahren Stürmer der legendären Fußballmeisterelf des Hamburger SV, der andere ein Ausnahmeboxer, der technisch seiner Zeit weit voraus war und dessen Stil erst Jahre später vom wohl größten Boxer aller Zeiten, Muhammad Ali, gepflegt wurde: Otto Harder, genannt "Tull", ist der Kicker, Johann "Rukeli" Trollmann der Mann im Ring. Es sind parallele Leben, die beide Spitzensportler in den damaligen Jahren führten. Fast parallel, denn ihre Lebenswege schneiden sich an einer Stelle - im Konzentrationslager der Nazis in Neuengamme.

Harder beginnt seine Laufbahn zunächst bei seinem Heimatverein Eintracht Braunschweig. Seinen Spitznamen "Tull" verdankt er der Ähnlichkeit seines Stils zu spielen wie Walter Daniel Tull, dem ersten schwarzen Feldspieler des britischen Fußballs und erstem farbigen Offizier der britischen Armee, der mit den Tottenham Hotspurs 1910 in Braunschweig gastiert hatte.

Nach dem Ersten Weltkrieg wechselt Harder zum Hamburger SV. Mit den Rothosen gewinnt der 1,90 Meter große Nationalspieler in den Zwanzigern drei deutsche Meistertitel. Sein Stil als Stürmer ist martialisch. Harder wartet auf dem Platz nicht lange. Er geht dorthin, wo es weh tut, setzt sich durch und trifft.

Ganz anders Johann Trollmann, den Freunde "Rukeli" rufen. Der begnadete Boxer ist in den ärmeren Vierteln von Hannover groß geworden. Er ist eher klein, aber von sehr ansprechenden Äußeren, volle, dunkle Locken und leicht brauner Teint - ein romantisch dreinblickender Frauentyp. Entsprechend ist sein Kampfstil. Trollmann ist kein Schläger, mit akrobatischer Technik tanzt er seine Gegner aus, wie man es sehr viel später eben von Muhammad Ali sehen sollte.

Mit seinen federleicht wirkenden Auftritten im Ring ist Trollmann seiner Zeit voraus - und 1932 mit 19 Kämpfen der am stärksten beschäftigte Boxprofi in Deutschland. Doch sein Stil steht im Gegensatz zur dominierenden Boxideologie, die das männlich-martialische des Sports beschwört. Im "Völkischen Beobachter" wettert Sportredakteur Haymann 1932, Trollmann boxe "undeutsch". Im zunehmend rassistischen Klima dieser Zeit gerät Trollmann noch aus einem anderen Grund ins Kreuzfeuer der völkischen Ideologen: Rukeli Trollmann ist im „Sprachschatz“ der Nazis ein Zigeuner.

Tull Harder hat andere Sorgen: Noch vor der Machtergreifung Hitlers hängt er die Fußballschuhe an den Nagel. Er tritt am 1. September 1932 in die NSDAP ein, wenig später in die SS. Harder ist kein besonders politischer Mensch, doch Hitlers Ruf nach Revanche für die Niederlage im Ersten Weltkrieg, seine Hetzparolen gegen Juden, Kommunisten und "Asoziale" decken sich mit seinen Ansichten. Unter den neuen Machthabern findet Harder eine verantwortungsvolle Tätigkeit.

Dann kommt der Krieg. Sinti und Roma werden – wie Juden im 1. Weltkrieg – in den ersten Kriegsjahren zur Wehrmacht eingezogen - auch Rukeli Trollmann hat Hitler als Soldat gedient, an der Ostfront, wo er verwundet wird. Dann nimmt die rassistische Tötungsmaschine der Nazis auch Sinti und Roma ins Visier. 1942 werden die "Zigeuner" aus der Wehrmacht ausgeschlossen. Am 16. Dezember 1942 setzt Himmler den "Auschwitz-Erlass" in Kraft, der Sinti und Roma mit Juden gleichsetzt. Zu Tausenden werden sie in die Konzentrationslager getrieben, auch Mischlinge werden deportiert.

Johann "Rukeli" Trollmann wird im Juni 1942 verhaftet und Ende Oktober in das KZ Neuengamme gebracht. Hier, an diesem Ort des Grauens, kreuzen sich nun die Lebenswege der beiden ehemaligen Sportstars, des leichtfüßigen Boxers und des hartleibigen Fußballers - zwei sehr deutsche Schicksale, jedes auf seine Art. Als der Häftling Trollmann eingeliefert wird, ist der SS-Untersturmführer Tull Harder seit genau drei Jahren in der Lagerverwaltung des KZ tätig. 1944 wird der Boxstar ermordet. Nicht im KZ in Neuengamme, Trollmann wurde im KZ-Außenlager im mecklenburgischen Wittenberge erschlagen.

Tull Harder wird als Kommandant noch in das KZ Ahlem bei Hannover versetzt. Nach Kriegsende landet er im Zuchthaus; ein britisches Militärgericht verurteilt ihn 1947 als Kriegsverbrecher zu 15 Jahren Gefängnis. Bereits 1951 wird er aus der Haft entlassen und stirbt am 4. März 1956 im Alter von 63 Jahren. Der HSV setzte sich immer wieder im vereinseigenen Museum kritisch und vorbildlich mit der braunen Vergangenheit Harders auseinander. Harder gilt in seinem Verein bis heute als einer der größten Fußballer, die der HSV je hervorgebracht hat. Johann Trollmann erfährt erst knapp 60 Jahre nach seiner Ermordung Gerechtigkeit: Ende 2003 wurde seinen Nachfahren der Gürtel eines Deutschen Meisters im Halbschwergewicht, den er am 9. Juni 1933 - schon unter der Nazi-Herrschaft - errungen hatte und welchen ihm die neuen Herrscher kurze Zeit später aberkannt hatten, symbolisch zurückgegeben. Vom Bund Deutscher Berufsboxer wurde er in die "Riege der Deutschen Meister" aufgenommen.
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