Mantras in Stellingen

Anil Choudhry mit seiner Frau Karuna, Tochter Meghna-Rose, Sohn Aryan und Neffe Anuj.
 
Lesen in heiligen Hindu-Schriften im Tempel: Danach kann ein erfülltes glückliches Leben nur führen, wer mit sich und seiner Umwelt im Einklang lebt.
Hamburg: Jyoti Mayya Hindu Tempel |

Hamburg ist mit 2.000 Hindus die größte Gemeinde in Deutschland.

Von Sabine Deh. Erst mal die Schuhe ausziehen. Die Füße versinken in dicken Teppichen auf denen rote Sitzkissen drapiert sind. Von Decken und Wänden baumeln bunte Girlanden und blinkende Lichterketten. In der Luft liegt der Duft von Räucherstäbchen. Es gibt Chai-Tee und Lassi, ein Getränk, das aus Joghurt und Minze zubereitet wird. Dazu Samosas, mit Kartoffeln gefüllte Teigtaschen, Obst und einen süßen, gelben Reisbrei, der mit den Fingern gegessen wird.
Direkt neben dem Bahnhof Stellingen haben die Mitglieder des Vereins Jyoti Maiyya, auf Deutsch „Ort der Ruhe“ einen Hindu-Tempel eröffnet. Früher waren in dem Haus Büros. Draußen fahren Züge über die Gleise, warten Passanten auf ihren Bus und trinken Männer vor einem Kiosk ihr Feierabendbier. Drinnen im Tempel sind Alkohol und Fleischgerichte tabu. Viele Hindus sind Vegetarier. „Die Kuh gilt bei uns als heilig, weil sie als Ernährerin Milch gibt und ihr Dung zum Hausbau und als Heizmittel verwendet werden kann“, sagt Tempel-Priester Tulsi Dass mit freundlicher Stimme.
Ein tutendes Geräusch, das von einer Vuvuzela aus dem naheliegenden HSV-Stadion stammen könnte. Ist aber kein HSV-Fan sondern Gemeindemitglied Kumar Sachcleva. Er bläst in eine Muschel und ruft die Hindus zum Gottesdienst. Im Tempelraum vor Altären, die mit den Statuen des Elefantengottes Ganesha, der Göttin Durga und Shiva, dem mehrarmigen Gott der Gegensätze, geschmückt sind, wird es eng. Die Frauen tragen farbenfrohe Saris, die Männer haben ihr Haar mit einem Kopftuch bedeckt. Dazwischen laufen Kinder umher, was niemanden zu stören scheint.
Rund 5.000 Inder leben in Hamburg, sie sind überwiegend Hindus. Es gibt Tempel in der Eiffestraße und in Rothenburgsort, der Jyoti Maiyya ist der neueste. In Stellingen sind auch Afghanen, die vor den Kriegen in ihrer Heimat geflohen sind.
Einer von ihnen ist Anil Choudhry, der seit 1989 in Deutschland lebt. „Unser Tempel soll ein Ort der Ruhe sein, an dem die Besucher neue Energien tanken und ihren Gedanken freien Lauf lassen können“, so der 34-jährige Schriftführer der Vereins. Der Vater von zwei Kindern hat inzwischen einen deutschen Pass. Er arbeitet im Schichtdienst als Busfahrer beim HVV und spricht perfekt deutsch. Seinen zweijährigen Sohn Aryan ist ein „echter Hamburger Jung“. Den Tempel sieht Choudhry auch als Ort der Integration. Deutschland hätte ihm und seiner Familie viel gegeben, darum hält er es für seine Pflicht etwas zurück zu geben. Im Stellinger Tempel gibt es daher auch Sprach- und EDV-Kurse, Weiterbildung, Erziehungsberatung und Hilfe bei Demenz.
Der Tempel, so Choudhry, stehe aber auch für die spirituellen Wurzeln, die die Hindus für sich und ihre Kinder in ihrer neuen Heimat bewahren möchten. Der Hinduismus ist mit rund 900 Millionen Angehörigen die drittgrößte Weltreligion. Hamburg ist mit 2.000 Hindus die größte deutsche Gemeinschaft. Hindus sind tolerant und glauben an eine Wiedergeburt als Pflanze, Tier, Mensch oder sogar Stein. Mit großem Respekt begegnen sie darum allem „Lebendigen“.
Mit Opfergaben in Form von Blumen und Speisen haben die Gläubigen um die Gunst ihrer Götter gebeten. Einen Teil der Speisen lassen sie sich jetzt selbst beim Langar Parsad, dem Festessen schmecken. „Bei uns sind alle Menschen willkommen, die respektvoll mit ihren Nachbarn und der Natur umgehen“, sagt Tempel-Priester Tulsi Dass.

Jyoti Maiyya Hindu Tempel, Volksparkstraße 81, Tel. 65 91 60 50 oder auch im Internet http://www.jyoti-maiyya.tempel.de
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