Generationen gemeinsam gegen Minderheiten-Diskriminierung!

Werner Peemüller (1942) als 12jähriger Junge



Schüler des A.-Thaer-Gymnasiums bei Senioren der Diesterweg-Stiftung

Vor den Sommerferien 2017 besuchten ca. 40 Schüler/innen des Albrecht-Thaer-Gymnasiums aus Stellingen verschiedene Bewohner/innen der Diesterweg-Stiftung. Es war eine außergewöhnliche Begegnung, welche bei Besuchern und Besuchten nachhaltig Spuren hinterließ.

Einer der „Gastgeber“ war unser Mitbewohner Werner Peemüller, Jahrgang 1930.
Eine Besuchergruppe der 5. bzw. 6. Gymnasiumsklasse entdeckte bei ihm ein Keyboard und auch ein Akkordeon. „Würden Sie uns etwas vorspielen?“, war die erstaunte Frage. „Gerne!“, lautete die Antwort und unser Mitbewohner zog einige Register seines Könnens auf beiden Instrumenten. Das Eis war gebrochen und die jungen Menschen baten Herrn Peemüller darum, aus seinem Leben eine Begebenheit zu erzählen, als er in dem Alter gewesen ist, die dem jetzigen seiner Besuchergruppe entsprach.

Werner Peemüller: „Am 19. Juni 1942 wurden wir mit 20 – 25 Schülern nach Bonyhad, einer Kleinstadt in Ungarn, in ein Kindererholungslager verschickt, da Hamburg von zunehmenden Bombenangriffen getroffen wurde. Von hier bis Passau fuhren wir mit der Bahn, von Passau bis Budapest mit einem Raddampfer auf der Donau. Die Unterbringung erfolgte einzeln bei „Volksdeutschen“.
Wir hatten viel eigene Freizeit, nahmen ansonsten am Tagesprogramm der Gastfamilien, z. B. bei Weinbauern, teil und erlebten mit ihnen und ihren Familien deren Arbeit und Freizeit.

Gemeinschaftsveranstaltungen wurden über den „Jungschaftsführer“ organisiert, z. B. in Sport, Veranstaltungen und Aufmärschen, an zentralen Orten, wie Bonyhad. An einem Nachmittag wurden wir in Uniform nach Bonyhad beordert, wo wir in Dreierreihen üner den Marktplatz marschieren mussten. Bei Antritt wurde uns befohlen , wir hätten unsere Fahrtenmesser am Verschluss zu entriegeln.

Wir mussten folgendes „Lied“ singen: „Schmeißt sie raus, die alten Judenbande, schmeißt sie raus, aus unserm Vaterlande, schickt sie wieder nach Jerusalem und haut ihnen Kopf und Beine ab, sonst kommen sie wieder rin.“

Auf dem Marktplatz saßen ältere Menschen, offenbar jüdischer Abstammung, in Korbsesseln, lasen in der Zeitung oder befanden sich in Gesprächen. Plötzlich schwiegen alle. Es waren Menschen, zum Teil in dem Alter, in welchem viele Bewohner unseres Stiftes heute sind.

Wir jungen Menschen waren durch diesen Anblick berührt und beschämt. Wir dachten, hoffentlich ist alles bald vorbei. Es war nicht vorbei!

Am Abend forderte unser „Jungschaftsführer“ uns auf, uns an einer zentralen Sammelstelle vor einer jüdischen Schuhfabrik, zu treffen. Er verlangte von uns, wir sollten mit Steinen die Fenster der Fabrik einwerfen. Wir folgten seinem Befehl, auch wenn ich mich so weit wie möglich hinten platzierte, um ja nicht in der ersten Reihe zu sein! Mir blieben die traurigen und stillen Blicke der meist älteren Menschen vom Marktplatz in Bonyhard im Gedächtnis. Ich war damals gerade in eurem Alter, vergessen werde ich das nie. Man möge sich vorstellen, ihr wäret nicht zu Besuch gekommen, sondern hättet das getan, wozu man uns damals aufgehetzt hatte!“

Die Gymnasialschüler schwiegen nachdenklich und beeindruckt. Sie verabschiedeten sich dankbar, herzlich und verbindlich mit den Worten: „Es war eindrucksvoll und ermahnend. Wir werden diesen Besuch nicht vergessen. Er hat uns eine starke Orientierungshilfe gegeben, wofür und wogegen wir eintreten werden. Wir danken Ihnen sehr, Herr Peemüller! Auf Wiedersehen!“

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