Fußball-Sehnsuchtsorte

Fußballpioniere in Harburg: der FC Normannia im Jahr 1909. Quelle: Sammlung Düse
 
Einzelstück: Die einzige erhalten Eintrittskarte des Endspiels von 1903. Quelle: Sammlung Düse
Hamburg: Exerzierweide Altona |

Vom legendären Exerzierplatz in Altona bis zum Schwarzenberg in Harburg: eine fußballhistorische Zeitreise durch Hamburg.

Von Waldemar Düse. Es braucht viel, sehr viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass dieser Ort einmal ein Ort der Sehnsucht gewesen ist. Nach der Unterquerung der tristen S-Bahn-Station Diebsteich durch den vor sich hin gammelnden Diebsteichtunnel am Friedhof entlang, Endstation. Reste der Gründerzeitbebauung, Kleingärten, gesichtslose Gewerbebauten und Brachflächen. Einer dieser wunderbaren „verlorenen Orte“, mitten der Großstadt, aber von einer faszinierenden Abgeschiedenheit. Dann über die Autoschneise Holstenkamp hinweg in den Rondenbarg, Hausnummer sechs. Die Gedenktafel, die hinter einem Metallzaun fast verschwindet, weist darauf hin, dass Fußballhistoriker die Geschichte dieses Ortes aufgeschrieben haben.

1. Exerzierweide
Rondenbarg 6

Am 31. Mai 1903 gedeiht hier noch tiefste preußische Provinz: Heidelandschaft, Weiden, Moore und die Schießbahnen des preußischen Militärs. Ein gutes Dutzend übernächtigter junger Männer entsteigt der Straßenbahnlinie 29 an ihrer Endhaltestelle „Altona, Friedhöfe“ und macht sich auf den kurzen Weg zum „Exer“.
Sie kommen aus Prag und sind auf dem Weg zum ersten Endspiel um die Deutsche Fußball-Meisterschaft: 16.45 Uhr, der DFC Prag gegen den VfB Leipzig. Seit 1890 darf mit Erlaubnis des preußischen Militärfiskus auf der Exerzierweide gekickt werden.
Im weiten Westen erleben 1.000 Zuschauer staunend, wie die Prager mit 2:7 unter die Räder geraten. Sie sollen direkt von der Reeperbahn, der Mutter aller Sehnsuchtsorte, gekommen sein. Die einzige erhalten gebliebene Eintrittskarte dieses historischen Aufeinandertreffens befindet sich übrigens im Besitz des SC Victoria.

2. Stadion Union 03
Kaltenkirchener Platz

Im Westen des heutigen Stadtgebiets Hamburgs liegen einige der Keimzellen des Fußballs. Lurup und Osdorf sind zwar noch Straßendörfer, aber 1893 sind bereits Altona 93 und Ottensen 93 gegründet worden, 1903 die SV Blankenese und Union 03.
Sich den Kaltenkirchener Platz heute inmitten des rieselnden Feinstaubs aus Zehntausenden von Autos als einen Sehnsuchtsort vorzustellen, ist eine buchstäblich phantastische Leistung. 1913 hat Union 03 am damaligen Kreuzweg eine gewaltige Platzanlage für 25.000 Menschen gebaut. Dort, wo heute „Metro“ und Post das Gesicht Hamburgs architektonisch bereichern, drehen die „Jonier“ in den 1920er-Jahren am großen Rad – während ihrer „ungarischen Periode“ unter Trainer Gyula Kertesz und den Berufsfußballern Jozsef Künsztler, Ferenc Hires-Hirzer und Elemer Müller.
Auch Verkehrs-Nostalgiker können inmitten des ständigen Lärms sehnsüchtig in der Vergangenheit schwelgen. An der Kohlentwiete hat es einmal die S-Bahn-Station „Kreuzweg“ gegeben. Die Ende des 19. Jahrhunderts errichtete und mit einem zweistöckigen Empfangsgebäude ausgestattete Haltestelle ist jedoch nie in Betrieb gegangen und irgendwann zwischen 1955 und 1978 abgerissen worden.
Weiter zum Heiligengeistfeld. Ein Muss für Sehnsüchtige aller Art. Die Freifläche ist schon alles gewesen: Gartenanlage, landwirtschaftliche Fläche, Pestopfer-Friedhof, Viehweide, Teil städtischer Befestigungsanlagen, Aufmarsch- und Exerzierplatz, Vergnügungsgelände, Standort landwirtschaftlicher Ausstellungen.
Die umliegenden Wohnviertel gelten heute wie selbstverständlich als das ureigene Terrain des FC St. Pauli. Aber lange bevor Braun-Weiß die beherrschende Farbkombination wird, ist es zehn Jahre lang Blau-Gelb. Auch der SC Victoria hat nämlich seine Wurzeln in dieser Gegend. Erst als der Senat dem Verein hartnäckig die Errichtung eines geschlossenen Sportplatzes verweigert, zieht der Klub 1904 schweren Herzens um. Zunächst zur Grindelberg-Radrennbahn, in deren Mitte sich ein Fußballplatz befindet. 1911 baut er dann sein Stadion Hoheluft.
Der Sprung über die Elbe beginnt mit der Fährlinie „73“ durch den Reiherstieg, dann weiter mit dem Fahrrad in Richtung Alte Süderelbbrücke. Zeit, die Gedanken ein treiben zu lassen. In der Ferne die Köhlbrandbrücke. Für ihren Bau in den 1970er-Jahren und die Hafenerweiterung muss der 1911 errichtete Stadtteil Neuhof weichen. 1.000 Wohnungen für 3.000 Menschen. Ein geschlossenes Arbeiterwohnquartier mit einem sehr selten gewordenen Zusammenhalt. In der Spielzeit 1974/75 sind die Mannschaften des FTSV Neuhof letztmals in ihren auffälligen lila-grünen Trikots zu sehen. Nach dem Abriss des Stadtteils wird der Sportverein aufgelöst.
Wer weiter östlich Abschied nehmen und durch die traurigen Reste des ehemaligen Bahnbetriebswerks stapfen will, muss sich beeilen. Die Brandstifter und ihre Hintermänner, die am 15. Oktober 1994 den schon musealen Ringlokschuppen in Schutt und Asche gelegt haben, werden ihr Ziel bald erreicht haben. Im Zuge der Verlagerung der Wihelmsburger Reichsstraße an die Bahnstrecke werden auch diese traurigen Reste bald verschwunden sein.

3. Harburg
Hoppenstedtstraße

1903 zieht es auch Harburgs Fußballpioniere sehnsüchtig auf eine Exerzierweide – an die heutige Hoppenstedtstraße. Gerade ist im ländlichen, noch eigenständigen Eißendorf der erste Fußballverein entstanden: FC Viktoria – nicht zu verwechseln mit der heute noch existierenden Viktoria. Seit 1904 übt auf dem holprigen Untergrund auch der eben erst gegründete FC Borussia, 1906 kommt der FC Normannia hinzu. Das Wohlwollen der preußischen Militärbehörden hält sich bis 1907. Bei einer Parade der Schwarzenberg-Pioniere tritt ein Pferd in ein Torpfostenloch. Der darauf thronende Adjutant landet kopfüber auf der Drillwiese, die Genehmigung zum Kicken wird sofort entzogen.
Schon 1894 haben dem HTB nahestehende Bürgersöhne, die auf der Spielweise am Jägerhof der Lederpille nachgehetzt sind, ihre Jerseys, Schärpen, Mützen und Kickstiefel wieder einpacken müssen. „Zu roh“ das Ganze. Auf die gesellschaftliche Anerkennung ihrer Sehnsüchte werden sie noch einige Jahre warten müssen.

Buchtipp

Volker Stahl und Uwe Wetzner: „Hamburger Sportstätten. Vom Turnplatz zur Hightech-Arena“, Sutton Verlag, 128 Seiten, ISBN-13: 978-3866806313, 17,90 Euro.
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