Verliert Ottensen das nächste Haus mit Geschichte?

Denkmalschutzwürdig oder nicht? Das Sahlhaus in der Holstentwiete ist etwa 135 Jahre alt. Foto: cvs

135 Jahre altem Sahlhaus in der Holstentwiete droht der Abriss

Von Christopher von Savigny. Von der Fassade blättert die grüne Farbe ab, bunte Graffitti bedecken die Wand. Ein Blick durch trübe Fensterscheiben enthüllt, dass hier schon lange keiner mehr wohnt: leere Zimmer, dreckige Fliesen, ein zerschmettertes Waschbecken auf dem Fußboden. Das denkmalgeschützte, zweistöckige Sahlhaus in der Holstentwiete 26 verfällt – und das bereits seit mindestens drei Jahren.
Stefan Kelle, Leiter der benachbarten Kita Holstentwiete, ist irritiert und verärgert. Er und auch die Eltern der Kita-Kinder möchten, dass das noch bis Ende 2013 bewohnte Gebäude gerettet wird. Erstens, weil es ein erhaltenswertes, geschichtsträchtiges Kleinod ist. Zweitens, weil ein Neubau womöglich viel größer ausfallen würde. „Dann hätten wir deutlich mehr Schatten auf unserem Spielplatzgelände“, fürchtet er. Zudem könnten die neuen Nachbarn – zu erwarten wären erheblich mehr Mietparteien als die bisherigen zwei – gegen den Kinderlärm von nebenan klagen. „Aber ein Kindergarten ohne Geschrei und Spiellärm ist überhaupt nicht vorstellbar“, sagt Kelle. Die Kita gehört zum gleichen Ensemble wie das betroffene Haus, ihre Räume wurden bereits bei Einzug vor 25 Jahren saniert.
Der neue Eigentümer will das Gebäude abreißen
Wie es weitergeht, ist aktuell völlig unklar: Vor zwei Jahren hatte das Haus für gut 600.000 Euro den Besitzer gewechselt. Der neue Eigentümer, die Hamburg Wohnen GmbH (HWG), möchte den Altbau abreißen lassen und neu bauen. Nach dem derzeit gültigen Bebauungsplan sind vier Geschosse möglich. Aufgrund des bestehenden Denkmalschutzes hat das Bezirksamt Altona den Abrissantrag der Firma jedoch zurückgewiesen. Derzeit läuft ein Rechtsstreit – mit einer Entscheidung wird nicht vor Ende 2017 gerechnet. Notfalls will die HWG in die nächste Instanz gehen.
Warum lieber Abriss als Sanierung? „Der Sanierungsaufwand ist deutlich höher als bisher angenommen und würde einen wirtschaftlichen Betrieb der Immobilie nicht zulassen", erklärt der von der HWG beauftragte Rechtsanwalt Gero Tuttlewski. Zudem sei man von der Denkmalschutzwürdigkeit nicht überzeugt, da das Gebäude nicht die für Sahlhäuser üblichen Merkmale aufweise.


Das sagt der Denkmalverein

„Das Ensemble in der Holstentwiete wurde bis 1881 errichtet und zählt zu den ältesten in dieser Gegend erhaltenen Gebäuden“, sagt Kristina Sassenscheidt vom – unabhängigen – Denkmalverein Hamburg. „Wir halten das Gebäude für erhaltenswert, weil es sehr anschaulich von dieser Entwi-cklung Ottensens erzählt und damit wichtig für die Identität des Stadtteils ist – gerade in einer Zeit, in der Ottensen durch Nachverdichtungen an vielen Stellen historische Bauten und sein gewachsenes Stadtbild verliert.“
Sahlhäuser sind mehrgeschossige Wohnhäuser, deren obere Stockwerke, Sähle oder Sahlwohnungen genannt, durch eine eigene Treppe erreichbar sind. Gegen Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie vor allem in St. Pauli und Altona gebaut, um Wohnraum für die Fabrikarbeiter zu schaffen, die unter anderem in den Glashütten in Altona Arbeit gefunden hatten. CVS
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1 Kommentar
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Alex Fleitmann aus Altona | 07.10.2016 | 12:01  
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