The Green Mile - oder die Wahrheit auf hundert Metern!

In St. Pauli Süd gibt es eine magische Straße! Sie ist auf dem ersten Blick eine "normale" Wohnstraße und liegt zwischen dem Kiez und dem Fischmarkt. Ihrer Lage wegen wird sie von Samstag auf Sonntag bevorzugt von Nachtschwärmern genutzt, die es im Anschluss des Kiez-Bummels in Richtung Fischmarkt zieht. Gäbe man der Wahrheit das Synonym „Grün“, könnte man sie „The Green Mile“ Hamburgs nennen. Wer sie angetrunken betritt, riskiert anscheinend zum Opfer einer unbekannten Magie zu werden!

Kiezbesucher, die nach einer ordentlichen Feier die „Green Mile“ wie beschrieben nutzen, benötigen für die Passage der kaum hundert Meter langen Straße in etwa gleichviel Zeit, wie sie im Normalfall für rund anderthalb Kilometer bräuchten. Sobald sie die "Green Mile" betreten, überkommt sie offenbar ein unüberwindbarer Zwang, den Partnern oder Begleitern schonungslos mitzuteilen, was man schon ewig mit sich herumschleppte: Ob Eifersüchteleien, mangelnde Leistung im Bett, Mund- oder Intimgeruch nebst jeder Art Bewertungen des Partners oder der Partnerin (anwesend oder nicht), was immer zum Drama taugt, wird ausdiskutiert, live und unzensiert! Und natürlich mit konstanter Bosheit in einer Lautstärke, als stünde der Gesprächspartner auf der anderen Seite eines Sees! Hier und da wird auch mächtig geheult, und gemein an den Haaren gezogen wird gelegentlich auch. (Pfui!)

An Schlaf ist für Anwohner der „Green Mile“ von Samstag auf Sonntag nicht zu denken! Deshalb wird aktuell erwogen, ob man die Mauer am westlichen Ende der Straße nicht zur Klagemauer gestalten sollte? Die Welt könnte durch sie ein bisschen ehrlicher und Beziehungen entspannter (kürzer?) werden! Sie läge an der Hauptroute des Besucherstroms zum Fischmarkt und könnte: Ahnungslosen eine Infobörse zu verpassten Intimgesprächen werden, Beteiligten in Erinnerung rufen, was sie vor Stunden gesagt haben, und Betroffenen eine Orientierungshilfe sein, wer was während ihrer Abwesenheit über sie gesagt hat! Bestückt würde die Wand durch die erzwungenen Zeugen, den Bewohnern der "Green Mile".

Liefert man die Details nur auf Anfrage über Chiffre, dürften die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten kaum mehr verletzt werden, als das Recht der Anwohner auf den wohlverdienten Schlaf am Wochenende. Heftet man für die Mitteilungen im Postkartenformat an, wäre eine Fläche von fünf Quadratmetern in kürzester Zeit zugepappt. Dennoch. Im Mietspiegel ist die „Green Mile“ unter normale Wohnlage notiert. Vielleicht wäre „Petzmauer“ ja die passendere Bezeichnung? Man wird sehen.
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