Schräges „X“ feiert Richtfest

Hochfester Stahl: Bauleiter Avelino Gomes zeigt ein Reststück der 770 Stützen, die in den beiden Türmen verbaut wurden. Fotos: cvs
 
Gruppenbild vor Stadtpanorama: Bauleiter Eckard Donath (Firma Züblin, v. li.), Projektentwickler Kai Ladebeck (Strabag) und Bauleiter Avelino Gomes (Zucotec).
Hamburg: St. Pauli |

Tanzende Türme: Ein Besuch auf der spektakulären Baustelle

Von Christopher von Savigny, St. Pauli. Es weht eine steife Brise auf der Dachterrasse im 24. Stock: Weit unten verschwindet Hamburg in einem weißen Nebel aus Nieselregen. „Keine Sorge, das ändert sich gleich“, verspricht Kai Ladebeck. Und tatsächlich: Nur einen Augenblick später hat sich die Gischt verzogen und gibt den Blick frei auf die Wahrzeichen der Hansestadt: Michel, Fernsehturm und Elbphilharmonie tauchen nach und nach aus dem Dunst auf. Nur ein Katzensprung entfernt der Alte Elbpark mit dem Bismarckdenkmal. Fast könnte man dem alten Herrn auf den Kopf spucken, so nah sieht es aus. „Sie müssten hier mal einen Sonnenuntergang erleben“, schwärmt Ladebeck, Projektentwickler der Strabag. „Das ist sensationell!“
Gut ein Jahr nach Baubeginn steht der Rohbau der Tanzenden Türme an der Reeperbahn vor seinem Abschluss. Über Wochen und Monate hinweg haben Arbeiter Stützen gebaut, Decken eingezogen und riesige Mengen an Beton gegossen – insgesamt wurden 33.000 Kubikmeter verbaut. Am 29. September feiert das schrägste Bauwerk Hamburgs Richtfest – rund 600 Gäste werden erwartet. Bereits im nächs-ten Frühjahr werden die Gas-tronomiebetriebe im Haus ihre Pforten öffen, im Sommer 2012 will der Bauherr selbst einziehen: Für die Strabag sind die Stockwerke 1 bis 14 reserviert.
Mit Fug und Recht kann man die Tanzenden Türme als die derzeit zweitspektakulärste Baustelle der Hansestadt bezeichnen – nach der Elbphilharmonie. Schon der Blick an der Fassade entlang nach oben macht einen schwindelig. Nichts ist wirklich gerade – die Pfeiler zwischen den Geschossen nicht, die Fenster nicht, die ganze Front scheint nach allen Seiten wegzukippen. Wer ein Stück zurücktritt, bemerkt einen Knick in Höhe des siebten Stocks des Nordturms. Im Südturm befindet sich die Biegung weiter oben, auf Höhe der 18. Etage. Zusammen ergibt sich eine Art verschobenes „X“, das nach Meinung von Architekt Hadi Teherani an zwei Tänzer erinnern soll. Vielleicht auch an eine Prostituierte mit X-Beinen, wer weiß. Für den Kiez trifft der Vergleich möglicherweise besser zu.
Getragen wird die schräge Konstruktion von 770 hochfesten Stahlstäben, die unten 35 Zentimeter dick sind und nach oben hin immer dünner werden. „Statisch gesehen war der Bau eine große Herausforderung“, sagt Bauleiter Avelino Gomes. Von der Struktur her ähnlich wie ein Kartenhaus seien die Türme aufgebaut – wobei sich der Vergleich mit einem fragilen Pappgebilde eigentlich verbiete. „Aber es wirken die gleichen vertikalen Kräfte“, so Gomes. Derzeit sind Arbeiter damit beschäftigt, die Fenster einzubauen: 1.700 Stück sind es insgesamt. Mit einem Kran werden die 800 Kilo schweren Bauelemente an die jeweils richtige Stelle bugsiert und in ein Schienensystem eingehängt. Später sollen zusätzlich bunte Lichtbänder die Fassade beleben.
Knapp 90 Meter messen die „Tanzenden Türme“ – damit liegen sie im hamburgweiten Vergleich nur auf Platz 14. Dass sich die schrägen Türme dennoch bestens als Aussichtspunkt eignen, ist der exponierten Lage auf dem Hamburger Berg zu verdanken. Die Dachterrasse soll später öffentlich zugänglich sein.
Eine weitere Attraktion des Bauwerks verbirgt sich allerdings ganz tief im Untergrund: Im dritten und vierten Untergeschoss ist ein riesiger, kreisrunder Partykeller entstanden, in dem der legendäre Mojo Club wieder aufleben soll. Bis zu 800 Gäste sollen dort Platz finden. Weil man fürchtete, die Musik könne das gesamte Gebäude zum Wanken bringen, wurde der Konzertraum sozusagen „schwimmend verlegt“ – als Box-in-Box-System mit einer eigenen Betonummantelung.
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