Mein Schiff

Günthers Schiff
Hamburg: Königstraße |

Eine Geschichte von Günther Döring (78),der in Altona aufgewachsen ist.

Ein Sonntagsspaziergang mit meinem Großvater war immer ein kleines Erlebnis. Der alte Herr mit seinem silbergrauen Schnurrbart, der schweren goldenen Uhrkette über der Weste und dem Handstock aus edlem Holz und mit Horngriff machte auf mich stets einen gewaltigen Eindruck; wer hatte schon solchen Opa?
Unser Ziel war oft der Stuhlmann-Brunnen, aber die beiden Zentauren wirkten auf mich immer etwas bedrohlich, da fand ich die Echsen am Brunnenrand viel niedlicher. Doch es gab auch ein weniger gewaltiges Monument, an dem wir regelmäßig vorbeikamen, und zwar der Bürgermeister-Behn-Brunnen an der Allee in Höhe Bei der Friedenseiche. Hier stand auf einem stilvollen Podest die Figur der "Okeanide", bei der wir ein wenig verweilten. Während mein Großvater vielleicht nur von der nackten Schönen angetan war, blieben meine Augen allein auf das Segelschiff gerichtet, das die Schöne in der Hand hielt. Dieses Schiff hätte ich gern gehabt, doch Opa machte mir klar, dass das kein Spielzeug sei, was ich letztlich auch einsah. Aber dennoch --- in meinen Inneren blieb es mein Schiff.
Die Jahre vergingen, der Krieg zog über das Land, und weite Teile Altonas wurden über Nacht in eine Trümmerlandschaft verwandelt. Die Okeanide "überlebte" zwar, nur war sie eines Tages verschwunden, musste wohl einer städteplanerischen Neugestaltung weichen. Als ich über meinen "Verlust" sprach, meinte einer der Anwesenden, meines Wissens Sohn eines Lokalpolitikers:"Die Figur liegt im Büro meines Vaters auf dem Dachboden."
Ich empfahl, seinem Vater darüber zu berichten.
Nun weiß ich nicht, ob es damals schon Pläne für die Wiederaufstellung der Figur gab, oder ob ich letztlich den Anstoß hierfür gegeben habe, jedenfalls sagte man mir eines Tages:"Dein Schiff kannste jetzt wiederhaben"; allerdings stand die Figur nun Ecke Behn-und Königstraße in einem Flachbecken auf einem nichtssagenden Steinquader, erkennbar angepasst an den neutralen Stil der Neubauten.
Ein wenig restauriert, mit einem stilvoll angepassten Sockel und dann aufgestellt am alten Standort, hätte man der Stadt ein kleines Stück Alt-Altona optisch zurückgeben können, zumal die dort noch erhaltenen Häuser im Hintergrund das Bild wie in früheren Zeiten abgerundet hätten. So aber steht die Schöne ein wenig traurig auf ihren inzwischen stark verschmutzten Steinblock, der so gar nicht zu ihr passt, doch dafür habe ich mein Schiff zurück.
Inzwischen wird der alte Standort zu einer kleinen parkähnlichen Anlage umgestaltet. Vielleicht findet dann auch die Okeanide den Weg dorthin zurück.
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4 Kommentare
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Yurik vardanyan aus Altona | 25.09.2012 | 14:02  
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Michael Borkowski aus Altona | 25.09.2012 | 18:33  
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Yurik vardanyan aus Altona | 25.09.2012 | 18:49  
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Michael Borkowski aus Altona | 25.09.2012 | 19:23  
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