Mein erster Kinobesuch im „Kina“

Das Programmkino "Kina", Thedestraße 13
 
Das "Kina" musste 1974 leider schließen, aber das Gebäude steht heute noch.
Hamburg: Thedestraße | Mein erster Kinobesuch im „Kina“

Als Junge von knapp sechs Lebensjahren sollte ich etwas kennen lernen, was die Kinderstunde im Fernsehprogramm, das Kasperle-Theater und den Zirkus in den Schatten stellte. Dieses Erlebnis zählt heute noch zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen.

An einem herrlich sonnigen, etwas kühlen Sonntagmorgen musste ich mich schnell warm anziehen, was in der Regel sonntags nicht der Fall war. Mein sieben Jahre älterer Bruder sollte auf Mamas Befehl hin mit mir ins Kino gehen. Mein Vater fuhr damals für längere Zeit zur See, und somit musste unsere Mutter allein für uns sorgen. Um in Ruhe das Mittagessen vorbereiten zu können, drückte sie meinen Bruder das Kinogeld in die Hand und schickte uns los.

Mein etwas halbstarker, von den Beatles geprägter großer Bruder nahm mich Pudelmützen tragenden und mit laufender Schnoddernase kleinen Steppke bei der Hand und wir machten uns gemeinsam auf den Weg zur Thedestraße. Unterwegs rumorte es nur so in meinem Kopf, ich konnte mir einfach nicht vorstellen, was ein Kino ist.

Wir kamen an einem Gebäude an, das wie ein mittelmäßiges Kaufhaus aussah. In den Schaufenstern waren aber keine Waren ausgestellt, sondern nur viele bunte Fotos und Plakate, mit denen ich noch nichts anfangen konnte. Die Nasen von vielen Kindern und Jugendlichen klebten an den Fensterscheiben, als würde dieses Kaufhaus Spielwaren zur Weihnachtszeit präsentieren. Mein großer Bruder unterhielt sich noch mit ein paar Jungs und dann betraten wir das Gebäude.

Mein Bruder bezahlte für uns zusammen zwei Mark an einer Kasse. Neben dem Schalter des Kassierers fiel mir eine Hinweistafel mit einer merkwürdigen Schrift auf. Heute weiß ich, was darauf stand: „Die Nerven bitte an der Kasse abgeben“. An einer Theke kaufte mein Bruder für uns ein paar Süßigkeiten, danach führte uns ein netter älterer Herr mit einer Taschenlampe in einen riesengroßen Saal mit unendlich vielen Sitzen, auf denen unendlich viele Kinder saßen. Im Saal spielte leise Musik im Hintergrund, die von mir nur unterbewusst wahrgenommen wurde, denn der Kinderlärm überdröhnte alles. Die Luft war erfüllt von dem Geruch nach Kaugummi und anderen Süßigkeiten.
Die Kinder schauten meist in eine Richtung und zwar dorthin, wo sich ein riesengroßer roter, von Strahlern angeleuchteter Vorhang befand.

Kaum hatten wir Platz gefunden und uns hingesetzt, wurde es langsam dunkel. Die Musik ging aus und ein Gong ertönte dreimal. Als dann der riesige rote Vorhang sich zur Seite schob und die Leinwand zum Vorschein kam, trampelten alle Kinder mit ihren Füßen auf den Boden, pfiffen und johlten gleichzeitig, was die Kehle hergab. Dann wurde es hell - und alles um mich herum wurde plötzlich still. Das ganze Drumherum hatte mich schon total überfordert, aber als ich in Riesengröße und in den buntesten Farben einen Specht sah, der Woody Woodpecker hieß, da fiel mir wirklich nichts mehr ein. Mein Mund und meine Kinderaugen wurden immer größer. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Dieses schöne Kindheitserlebnis habe ich nie vergessen. Von diesem Tag an musste mein Bruder mich jede Woche in das "Kina" mitschleppen.
Das "Kina" wurde leider 1974 geschlossen, aber das Gebäude steht heute noch.


Heute bin ich ein absoluter Filmfreak. Schuld daran gebe ich dem „Kina“. Ich mag mir immer noch sehr gern alte Filme ansehen, um dieses wunderbare Gefühl von Kinoerlebnis immer wieder in mir aufflammen lassen zu können.

Vor nicht so langer Zeit erinnerte ich mich daran, dass ich in meinem Fotoalbum noch zwei sehr alte Fotos besitze, die kurz nach dem Krieg fotografiert wurden. Sie zeigen meine Mutter als Platzanweiserin in einem Kino. Sie trägt auf diesem Foto eine Waschbärmütze, weil der Abenteuerfilm „ Davy Crockett“ Premiere hatte. Nur zwei Wochen später fand ich per Zufall ein Buch in einem Buchladen, das alle Kinos zeigt, die es in Hamburg gab. Ich blätterte ein wenig darin herum und war sofort verliebt in das absolut günstige Buch, aber als ich dann die Seite 108 aufschlug und das Nachkriegsfoto mit meiner Mutter als Platzanweiserin und Waschbärmütze abgedruckt wiederfand, wurden mein Mund und meine Augen immer größer. Wieder einmal kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus.
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1 Kommentar
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Karl-Heinz Graf aus Altona | 10.09.2012 | 13:14  
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