Hafenstraße: Wo das Böse wohnte

„Alle Häuser oder keines“: Die Bewohner der Hafenstraße legten sich bewusst mit der Staatsmacht an, um alle Häuser zu erhalten. Hier eine Aufnahme von 1989. Foto: St. PAULI Archiv
 
Ein häufiges Bild am Hafenrand in den 1980er-Jahren: Demonstration für die Hafenstraße, begleitet von einem gepanzerten Polizeiaufgebot. Foto: St. PAULI Archiv
 
Damals Pastor der St. Pauli Kirche: Christian Arndt vermittelte im Konflikt um die Hafenstraße. Foto: stahlpress medienbüro

Kaum ein Konflikt hat Hamburg jemals so sehr gespalten, wie die Auseinandersetzung
um die besetzten Häuser am Hafenrand vor 30 Jahren. Ein Bewohner der ersten Stunde erinnert sich

Matthias Greulich, Hamburg

Oma Jäger aus der St. Pauli Hafenstraße zu vertreiben, ist weder den Nazis gelungen noch der Saga. „Sie hat hier in dieser Wohnung gewohnt“, sagt Claus Petersen, Jahrgang 1947. Er hat Fotos auf dem Tisch ausgebreitet. Erster Stock, schöner Elbblick. In einem Haus, das schon vielen großkotzigen Plänen im Weg stand, um das jahrelang gekämpft wurde. Der drahtige Petersen, aufgewachsen in Flensburg, war einer der Hausbesetzer. Inzwischen lebt er in Oma Jägers Wohnung, die gestorben ist, bevor die Auseinandersetzung um die Hafenstraße die Stadt ab Mitte der 1980er-Jahre in zwei Lager spaltete.

Acht Häuser waren zum „Auswohnen“ bestimmt

1976 war Petersen in eine Studenten-WG am Hafenrand eingezogen. Frau Jäger zeigte ihrem neuen Nachbarn den Mietvertrag aus dem Jahre 1936. „Der war nur befristet“, so Petersen. Hitler wollte am Elbufer sein „neues Hamburg“ bauen. Nach dem Krieg verwaltete die städtische Saga das Gründerzeithaus, ab den Siebzigern wurde nichts mehr an den Wohnungen gemacht. Die insgesamt acht Häuser am Hafenrand wurden „ausgewohnt“, wie es im zynischen Hausverwalter-Deutsch hieß. Viele Wohnungen standen leer. Obdachlose machten dort Platte. Einige Altmieter wollten dennoch nicht weg. „Je mehr Oma Jäger über die Saga schimpfte, desto mehr freundeten wir uns mit ihr an“, so Petersen. Die Studenten halfen der St. Paulianerin, Feuerholz für ihren Kohleofen zu machen. Als ab Herbst 1981 innerhalb von drei, vier Monaten alle leeren Wohnungen besetzt wurden, hatte auch Oma Jäger einige von ihnen durch die Haustür reingelassen. „Die Leute kamen von überall her. Es lief über Mund-zu-Mund-Propaganda.“ Die Saga ließ die Studenten und Punks gewähren. Abgerissen würden die Häuser doch sowieso: Die Stadt verhandelte im Hintergrund bereits mit Tchibo sowie Gruner und Jahr, die ihren Firmensitz an die Elbe verlegen wollten. Bis zu 22 Geschosse erlaubte der Bebauungsplan.

Steigende Mieten und „Verpöselung“: Es rumorte in der Stadt

In der Bundesrepublik litt die Wirtschaft unter der Ölkrise, in Hamburg berichteten die Tageszeitungen im Lokalteil über die Konflikte in der Stadt: „Das Ende von Altenwerder beschloßen. Das alte Fischerdorf muß der Hafenerweiterung weichen“ (Januar 1982). „Im Schanzenviertel verteilen Unbekannte Flugblätter: ,Schnöselpack raus! Schluß mit der Verkiezung und Verpöselung!‘ Sie besprühen das ,Pickenpack’ am Schulterblatt mit roter Farbe (April 1982). „80 Anrufer pro Tag beschweren sich beim Mieterverein zu Hamburg über ,horrende Mieterhöhungen’“ (Mai 1982). „40 Skinheads und 30 Punker gehen zwischen Spritzenplatz und Altonaer Bahnhof mit Holzlatten, Flaschen und Knüppeln aufeinander los“ (Juni 1982).
In der Hafenstraße wurden diese Konflikte wie in einem Brennglas gebündelt. Waren anfangs meist junge Punks in die Häuser eingezogen, gab es nun verstärkt Zulauf von politisch Aktiven. Das Plenum der Hafenstraße wurde zum linksautonomen Zentrum der Stadt, das genau wusste, wie es die Pfeffersäcke im Senat herausfordern konnte. Während im übrigen Stadtgebiet alle besetzten Häuser innerhalb eines Tages geräumt wurden, kehrten die Besetzer in die Wohnungen jedes Mal wieder zurück. „Es war überhaupt keine Frage, dass es eine Revolution um diese Häuser geben wird. Die können das nicht dulden, dass eines der exorbitant teuersten Grundstücke der Stadt besetzt wird“, so Petersen. Mit Kompromissen wollte man sich im Häuserkampf nicht abspeisen lassen: Alle Häuser oder nichts, war die riskante Strategie, die am Ende Erfolg hatte.
Hamburgs berühmtester Häuserkampf begann bald zu eskalieren: Am Morgen des 27. September 1982 durchsuchte ein Großaufgebot von Polizisten die Wohnungen. Sie stellten Lappen, Flaschen, Behälter mit brennbaren Flüssigkeiten, Kerzen, Trichter und Handschuhe sicher. „Alles, was man zum Bau von ,Molotow-Cocktails’ braucht“, sagte ein Polizeisprecher. „Ein Vorwand“, sagt Claus Petersen. Die Besetzer wurden vom bürgerlichen Lager und dem rechten Flügel der SPD zum Feindbild der Stadt stilisiert – hier wohnte das Böse.
Als die SPD bei der Bürgerschaftswahl Ende 1982 die absolute Mehrheit holte, brauchte sie auf die hafenstraßenfreundliche GAL keine Rücksicht mehr zu nehmen. Der rechte SPD-Parteiflügel wollte räumen – und das möglichst bald. „Zu der Zeit war es fast wie Krieg. Es ging richtig ab. War immer die Angst vor der Räumung. Es gab immer Druck“, sagt Volker Ippig, damals Torwart des FC St. Pauli, der durch seine Zeit als Entwicklungshelfer in Nicaragua mit den Hafensträßlern in Kontakt kam und dort auch eine Weile lebte. Bei „Begehungen“ der Wohnungen sprühen Polizeibeamte mit Reizgas in Betten und auf Lebensmittel. Einmal flüchteten die Besetzer ins Gemeindezentrum der benachbarten St. Pauli-Kirche. Der dortiger Pastor Christian Arndt hatte zwischen Bewohnern und Senat vermittelt. „Unfassbar, mit welcher an Kriminalität grenzenden Energie damals versucht wurde, Menschen, deren Gesinnung einem nicht passte, wegzubekommen“, sagte Arndt später in einem Interview mit dem Stadtteilmagazin „Viertelnachfünf“. Fortsetzung in der nächsten Woche

Chronik
1981: Studenten und Autonome ziehen in die teilweise leer stehenden Häuser ein.
1982: Im Frühjahr hängen Transparente an der Häuserwand der Hafenstraße: „Ein Wohnhaus ist kein Abrisshaus!“. Die Saga lässt im Sommer Fenster zumauern, die Bewohner vermauern im Gegenzug Fenster der Saga-Zentrale in Altona.
1983: Besetzer und Saga schließen Mietverträge über drei Jahre ab.
1986: 12.000 Menschen demonstrieren nach Ablauf der Mietverträge für den Erhalt der Gebäude.
1987: Bürgermeister von Dohnanyi bürgt mit seinem Amt für die Durchsetzung eines Pachtvertrages und fordert als Bedingung die Räumung von Barrikaden.
1988: Klaus von Dohnanyi tritt zurück, sein Nachfolger wird Henning Voscherau, der versucht, das Projekt Hafenstraße gerichtlich zu beenden.
1994: Bürgermeister Henning Voscherau bietet eine vertragliche Lösung an, sofern die Hafenstraße den Bau von 55 Sozialwohnungen auf angrenzenden Freiflächen akzeptiert.
1995: Die Stadt verkauft die Häuser für rund zwei Millionen Mark an die neu gegründete Genossenschaft „Alternativen am Elbufer“.
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