Hafenstraße: Ende der Barrikadentage

Radio Hafenstraße sendet wieder: Hafenstraßenhäuser an der Balduintreppe im April 1989. Foto: commons.wikimedia.org
 
Klaus von Dohnanyi. Foto: Udo Grimberg, Lizenz Creative Commons

Teil 2: Kaum ein Konflikt hat Hamburg jemals so sehr gespalten wie die Auseinandersetzung um die besetzten Häuser am Hafenrand vor 30 Jahren. Ein Bewohner der ersten Stunde erinnert sich

Matthias Greulich, Hamburg

Als die Hamburger SPD bei der Bürgerschaftswahl Ende 1982 die absolute Mehrheit holte, brauchte sie auf die hafenstraßenfreundliche GAL keine Rü-cksicht mehr zu nehmen. Der rechte SPD-Parteiflügel wollte räumen – und das möglichst bald. Die Besetzer wurden vom bürgerlichen Lager und dem rechten Flügel der SPD zum Feindbild der Stadt stilisiert – hier wohnte das Böse.
Die Sache mit der Räumung wollten schließlich rechte Hooligan-Kommandos aus ganz Deutschland in die Hand nehmen. Sie waren auf Auswärtsfahrt zum HSV oder FC St. Pauli und verbündeten sich nach Spielschluss mit rechten HSV-Hools. „Alle 14 Tage waren irgendwelche Nazis von irgendwelchen Städten da. Ich selbst war froh, dass die Polizei dazwischen gegangen ist“, so Bewohner Claus Petersen. Manchmal erlaubten sich die Beamten einen Spaß und ließen sich Zeit. „Aber pflichtbewusst mussten sie dann noch eingreifen.“
Häufig waren die Bewohner aber auch auf sich alleine gestellt, um die Angriffe der Hools abzuwehren. „Ich erinnere mich an eine brisante Situation, als der Mob bedenklich nah an die Häuser herankam. Wir saßen mit 20 Leuten auf der Balduintreppe. Uns war das Herz in die Hose gerutscht. In die Stille rief die Punkerin Martina, genannt Kellerassel, ,Ihr Feiglinge’. Wir sprangen auf und stürmten los. Der Mob wurde zurückgeschlagen. Zurück blieben Blessuren aber das Herz war wieder am richtigen Platz.“

10.000 Unterstützer gegen mindestens 6.000 Polizisten


Auf Claus Petersens Wohnzimmertisch liegen Fotos von Barrikaden aus Pflastersteinen. Im November 1987 verschärfte sich die Situation noch einmal. Vor fast 30 Jahren begannen die „Barrikadentage“. Mindestens 6.000 Polizisten standen rund 10.000 Unterstützern gegenüber. Die Häuser waren zu Festungen ausgebaut worden. Petersen erlebte in Oma Jägers 50-Quadratmeter-Wohnung einen unglaublichen Moment: Er schaute auf die Hafenrandstraße. „Wir hatten die Fenster gesichert, aber es gab einen kleinen Spalt, durch den ich durchschauen konnte. Und da war alles friedlich“, sagt er, und seine Stimme klingt immer noch etwas ungläubig. Er wusste: Der Belagerungszustand mit Hundertschaften aus verschiedenen Bundesländern war auch für die Stadt nicht lange aufrecht zu erhalten. In diesem Moment war sich Petersen sicher, dass die Staatsmacht die Häuser nicht räumen würde.
Und tatsächlich hatte im letzten Moment die Vernunft gesiegt: Bürgermeister Klaus von Doh-nanyi bot den Bewohnern einen Pachtvertrag an, wenn sie die Barrikaden abbauten und bürgte für diese Lösung mit seinem Amt. Die Hafensträßler lenkten ein. Von Dohnanyi sagte später staatsmännisch, „dass die Stadt gezeigt hat, dass sie in schwierigen Lagen liberale Lösungen finden kann“.

„Man muss auch mal zur Ruhe kommen“

Die Auseinandersetzungen mit Dohnanyis Nachfolger Henning Voscherau, der die Pachtverträge kündigen ließ und durch alle Instanzen Räumungstitel gegen die Hafenstraße erwirkte, zogen sich bis 1995 hin. Erst dann gab Voscherau auf: Für zwei Millionen Mark verkaufte die Stadt die Häuser an die Bewohner, die eine Genossenschaft gegründet hatten. Claus Petersen zahlt seitdem Miete an die Genossenschaft „Alternativen am Elbufer”. Die Entscheidung, die Häuser zu kaufen, hat er nach einiger Überlegungszeit mitgetragen: „Die Kampfphase war sehr hart. Man muss auch mal zur Ruhe kommen.“
Als politisches Symbol hat die Hafenstraße schon lange ausgedient. Inzwischen leben dort einige Jüngere, die den Häuserkampf nur noch aus Erzählungen kennen. Wichtige Entscheidungen werden zwar nach wie vor im Plenum getroffen, aber längst nicht jeder Bewohner lässt sich dort blicken. Die meisten Hafensträßler sind allerdings nach wie vor politisch aktiv, etwa in der „Recht auf Stadt“-Bewegung, bei der auch Claus Petersen mitarbeitet. „Es sind immer noch ähnliche Konflikte wie vor 30 Jahren. Die Netzwerke, die seinerzeit geholfen haben, Freiräume zu verteidigen, funktionieren immer noch“, sagt er.

Interview mit Klaus von Dohnanyi

Herr von Dohnanyi, wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass eine liberale Lösung für den Konflikt um die Hafenstraße gefunden wurde?
Klaus von Dohnanyi: Mir schien es damals auch aus sehr praktischen Gründen wichtig: Ein Häuserkampf hätte Verletzte oder sogar Tote bringen können. Der liberale Ansatz hatte deswegen sowohl Vorbildcha-rakter und war auch gute politische Praxis.

Wann kamen Sie im Jahre 1987 zu der Einsicht, den Besetzern eine vertragliche Lösung anzubieten?

Für den Vertragsweg hatte der Senat Vorbilder, insbesondere Richard von Weizsäckers Umgang mit Hausbesetzern als Berlins Regierender Bürgermeister.

In einigen Interviews zum 25-jährigen Jubiläum der Besetzung haben Sie gesagt, dass Sie enttäuscht seien, wie wenig die Bewohner aus den Häusern gemacht hätten. Sind Sie immer noch dieser Meinung?

Ich finde, dass so viele Jahre nach der Übernahme der Verantwortung durch die Bewohner eine fleißigere Instandsetzung zu erwarten gewesen wäre.
Interview: Matthias Greulich
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