Die silberne Verführerin vom Rathausmarkt

Katja Lukic, die silberne Apfelfrau vom Hamburger Rathausplatz, hier mit ihrem Bewunderer Ronald Roggen, beherrscht das ewige Spiel der Verführung. Fotos: sd
 
Hamburgs gute Stube: die Alsterarkageden gegenüber vom Rathausmarkt.

Apfelfrau Katja Lukic arbeitet als Straßenkünstlerin

Von Sabine Deh. Der Bürgermeister ist noch nicht stehen geblieben. Dabei arbeitet er gleich nebenan. In Barcelona, erinnert sich Katja Lukic, „wäre das ganz anders. Da hat die Straßenkunst einen viel größeren Stellenwert als in Hamburg.“ Für die Schulklasse aus Bayern ist die Frau, die von Kopf bis Fuß in Silber besprüht ist, auch ohne Olaf Scholz ein echter Hingucker. Einigen steht sogar der Mund offen vor Begeisterung. Erst als die Lehrerin nachdrücklich zum Aufbruch mahnt, lösen sich die Kinder aus dem Bann der Silberfrau und gehen weiter über den Rathausmarkt zur nächsten Touristenattraktion.
Seit zehn Jahren arbeitet die silberne Apfelfrau nun schon als lebende Statue. Hinter der Maske verbirgt sich die Hamburgerin Katja Lukic. Nach einem Studium der Pädagogik und Psychologie bekam sie keinen Job und beschloss ihr Glück in Barcelona zu suchen. Gemeinsam mit einer Freundin kaufte sie sich von ihren Ersparnissen einen klapprigen Campingbus mit Imbissanhänger und machte sich auf den Weg nach Spanien, wo sie heiße Würstchen unters Volk bringen wollte. Beim Anblick der lebenden Statuen, die auf den Ramblas in der Innenstadt von Barcelona ihre Straßenkunst präsentieren, warfen die jungen Frauen ihre Pläne über den Haufen und beschlossen: „Das versuchen wir auch.“ Sie hatten von Anfang an Erfolg als Duo. Spanische Straßenkünstler sind auf jeden Cent angewiesen, da es kaum Sozialleistungen gibt. „Darum beschloss ich nach einigen Jahren, dass ich mein Geld auch in meiner Heimatstadt verdienen kann, räumte meinen Platz für einheimische Künstler und kehrte zurück“, erzählt Katja Lukic, während sie sich auf ihren Auftritt vorbereitet.
Ihr Equipment befindet sich in einem Fahrradanhänger, der der Straßenkünstlerin auch als Podest und Schminktisch dient. Neben dem Kostüm, das aus Bauernbluse, Mieder, Kopftuch und einem langen weiten Rock besteht, gehören zwei geflochtene Körbe, die randvoll mit Äpfeln gefüllt sind, und eine Schachtel für die gespendeten Münzen zur Ausrüstung. Die junge Frau platziert einen winzigen Spiegel auf ihrer Kiste, bindet sich die dunklen Haare zurück und beginnt sich in ihre Rolle zu verwandeln. Während sie Theaterfarbe auf ihrem Gesicht verteilt, bleiben die ersten Passanten stehen und warten ab, was gleich passiert. Ihr Kostüm, das sie mit silbergrauen Lack aus dem Baumarkt besprüht hat, fühlt sich hart und steif an. Direkt auf der Haut getragen würde es kratzen, weshalb Katja Lukic die Sachen einfach über Chinos und T-Shirt streift. Schließlich klettert sie auf ihr Podest und wird zur silbernen Apfelfrau. Minutenlang in einer Pose zu verharren sei reine Übungssache sagt sie. Auch einen juckenden Mückenstich könne sie in der Zwischenzeit ignorieren. Kostüm und Make-up bieten ihr Schutz und Distanz vor aufdringliche Fans. Grölende Teenager die ihr einen Cent vor die Füße werfen und Faxen machen, würden ihr allerdings bisweilen auf die Nerven gehen. Davon abgesehen liebt sie ihren Job und auch in den nächsten Jahren auf dem Rathausmarkt stehen.
Ronald Roggen ist ein Fan der Apfelfrau. Der Autor und Philosoph beobachtet die hiesige Straßenkunstszene für sein Internet-Blog. „Sie ist einfach die Beste“, sagt der 63-jährige Schweizer.
Im Winter, wenn das Apfelfrauenkostüm im Schrank verschwindet, widmet sich Katja Lukic ihrer zweiten großen Leidenschaft, dem Schreiben. In ihrem Debütroman „Nur ein Jahr“ schildert sie ihre Erfahrungen als Apfelfrau in Barcelona. Eine Leseprobe steht im Internet unter www.silbernasen.de.
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