Aus Grau wird Grün

Demnächst beginnt vor dem Hochbunker in der Schomburgstraße wieder die Gartensaison. Foto: Reinhard Schwarz
 
Links Energie, rechts Kultur: So sieht der Bunker im Querschnitt aus. Grafik: Kebap e.V.
Hamburg: Bunker Schomburgstraße |

Altonaer Verein plant seit fünf Jahren einen Kultur- und Energiebunker in der Schomburgstraße

Von Folke Havekost. Im Herbst erntete Kebap Bohnen und Bescheide. Im Garten vor dem Bunker in der Schomburgstraße war die Bunte Hilde reif – eine Bohnensorte, die an der massiven grauen Wand rankt. Und jüngst genehmigte die Bezirksversammlung Altona Geld. Damit soll eine Studie bezahlt werden, um herauszufinden, ob es wirklich Sinn ergibt, was Kebap vorhat. Kebap steht für Kultur- und Energie-Bunker Projekt Altona, einen 2011 gegründeten Verein. Die etwa 30 Genossenschaftler wollen den Hochbunker übernehmen, um von dort die Nachbarschaft mit Energie zu versorgen und einen Teil der Räumlichkeiten für Kultur zu öffnen.

Energiegewinnung finanziert Kulturzentrum


„Im Grunde sind es ja zwei Bunker“, erklärt Vera Stadie, „ein Teil soll zur Energiegewinnung dienen, der andere Teil ein Kulturzentrum werden“. Die dezentrale Versorgung von gut 2.200 Haushalten auf der Hälfte der gut 10.000 Quadratmeter Fläche soll kulturelle und soziale Projekte auf der anderen Hälfte subventionieren, etwa günstige Übungsräume für Musikgruppen. Nachdem eine erste Studie erwiesen hat, dass ein Biomasse-Heizkraftwerk im Bunker eine Baugenehmigung bekommen und sich wirtschaftlich rechnen könnte, soll die zweite Studie nun die bauliche Planung klären, wie etwa das Lüftungssystem oder die Fluchtwege gestaltet werden müssen. Und es sollen die Wünsche und Vorstellungen potenzieller Nutzer einfließen. „Da möchten wir ganz viele Ideen aus dem Quartier einsammeln“, erklärt Mirco Beisheim, einer der Organisatoren. Im Herbst 2016 will Kebap in der Lage sein, einen Finanzierungsplan zu entwerfen und einen Bauvorantrag zu stellen.
Der Garten blüht bereits im Sinne des Projekts. Vera Stadies Tochter Marlene steht auf der Leiter und schaut nach der Blauen Hilde. „Die sehen aus, als wären sie gut für Saatgut“, ruft ihr Hannes Gröneweg zu, der bei Kebap ein Freiwilliges Ökologisches Jahr absolviert hat. Die Gärtner wollen nicht nur genug für das spätere gemeinsame Essen ernten, sondern auch Saatgut gewinnen, um die Pflanzen umweltschonend anzubauen. Der robuste Baumspinat-Samen aus dem Bunkergarten hat sich sogar zu einer Art Exportschlager entwickelt, einige Säcke gingen schon von Altona ins gebeutelte Syrien.
„Hier kommt man nicht als Konsument her, sondern kann Ideen entwickeln und aktiv gestalten“, sagt Gröneweg: „Man lernt hier auch ganz viel, aber nicht jeder für sich, sondern in der Gemeinschaft.“ Auch die Energieproduktion soll eine „Heizzentrale zum Anfassen“ sein, wie Beisheim beschreibt. „Wir möchten die Lage mitten in Altona nutzen, um für die Möglichkeiten regenerativer Energieerzeugung zu sensiblisieren.“ Das CO2-neutrale Erhitzen von Holz, das als „Grünschnitt“ aus den nahen Parks stammt, soll veranschaulichen, woher die alltäglich genutzte Energie eigentlich stammt.
„Bei uns geht es um geschlossene lokale Kreisläufe“, erklärt Heike Breitenfeld: „Unser Projekt versteht sich als Zukunftsmodell: Wir machen im Kleinen, was wir uns im Großen wünschen.“ Für die Künstlerin, die sich in ihrem Werk beständig mit Lebensmitteln auseinandergesetzt hat, ist die Gartenarbeit ein konsequenter Schritt in die Praxis: „Dieser Garten ist eine Vorwegnahme des kommunalen Dachgartens auf dem Bunker, den es geben soll. Und die Idee, die sich mit dem Garten verbindet, ist dieselbe, wie wir uns das ganze Projekt vorstellen.“
Aus Grau wird Grün: In sechs Stockwerken ragt der Bunker Schomburgstraße 19 Meter in die Höhe, das im Zweiten Weltkrieg für 1.800 Schutzsuchende errichtete Gebäude ist 50 Meter lang. Lange sollte er Bomben trotzen, die nach 1945 zum Glück nie fielen. Trotz aller Entspannungspolitik von Willy Brandt und Co. wurde der Bunker in den 1970er-Jahren noch einmal umgebaut, um im Kriegsfall 3.500 Menschen zu beherbergen. Erst 2011 wurde das Objekt aus dem Zivilschutz entlassen, seitdem bemüht sich Kebap um eine nachhaltige Nachnutzung.
Eine Doktorandin backt „Bunkerkruste“
Mit Geduld reichert Diana Süsser derweil Sauerteig an. „15 Minuten kneten, dann für eine längere Zeit in den Ofen“, erklärt Süsser, die vorher Holz gehackt hat, um den Ofen zu befeuern. Wenn sie nicht gerade an dem knetet, was später zum Brot namens „Bunkerkruste“ befeuert wird, verfasst sie ihre Promotionsschrift zum Thema lokale Energiewende. „Ich wohne in der Nähe und war neugierig auf das Energieprojekt“, sagt Süsser. Die Doktorandin fand den Weg zu Kebap über das offene Plenum, zu dem der Verein an jedem dritten Donnerstag im Monat einlädt. Das nächste Mal am 21. April um 19.30 Uhr im Haus 3 an der Hospitalstraße.
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Petra Weinstein aus Harburg | 27.04.2016 | 20:36  
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