„Sekt und Lachs und Rock 'n' Roll“

Einer der schönsten und ungewöhnlichsten Veranstaltungsorte Hamburgs: Die Kulturkirche Altona, hier dramatisch illuminiert für ein klassisches Konzert mit dem Ensemble Libra. Foto:Jürgen Krenz
Hamburg: Kulturkirche Altona |

St. Johanniskirche Altona setzt auf Kulturveranstaltungen

Von Sabine Deh. Vor dem Altar in der St. Johanniskirche an der Max-Brauer-Allee wurde im Rahmen der Charity-Gala „Kampf deines Lebens“ für benachteiligte Jugendliche geboxt. Quasselstrippe Barbara Schöneberger talkte im Kirchenschiff als Botschafterin von „terre des hommes“ mit anderen Prominenten über das Thema Kindesmissbrauch, und die Jungs der Band Tokio Hotel sorgten bei ihrem Konzert im letzten Jahr für Schnappatmung unter ihrem überwiegend weiblichen Publikum. Der Gemeinderat dieses Gotteshauses hat früh erkannt, dass man mit Gebeten und frommen Worten allein das Haus nicht mehr mit Leben füllen kann und beauftragte vor einigen Jahren die gemeinnützige Kulturkirche Altona GmbH damit, die Kirche für Veranstaltungen zu vermieten.

Spannendes Miteinander von Gemeinde und Kultur

Den Hamburger Kirchen laufen die Schäfchen weg. In den vergangenen Jahren wurden mehr als zehn Kirchen verkauft, drei weitere mussten abgerissen werden. Dieses Schicksal sollte die St. Johanniskirche nicht teilen. Der Gemeinderat holte sich Hilfe von außen. „Über die Vermietung werden nun Einnahmen erzielt, die zum Unterhalt des Gebäudes beitragen. Gleichzeitig können dadurch kulturelle Veranstaltungen ermöglicht werden, die sonst draußen vor der Tür bleiben müssten“, erläutert Kulturmanagerin Beate Rump das Konzept. Auf dem Programm stehen klassische Chor-, Pop- und Orchester-Konzerte, Weltmusik, Jazz, Soul, Lesungen, Kinderprogramm, Theater und Poetry Slams.
„Das Miteinander von Kirchengemeinde und Kulturkirche Altona ist spannend und produktiv“, findet Stefan Kröhnert, der sich seit 2011 um die Vermietung der ungewöhnlichen Veranstaltungslocation kümmert. Schmunzelnd erzählt er, dass eine Hochzeitsmesse, die letztendlich gar nicht in der St. Johanniskirche stattfand, bisher für den größten Aufschrei in der Öffentlichkeit sorgte. Auf den Werbeplakaten waren junge Damen in Abendkleidern und Dessous zu sehen. Die Presse
titelte: „In dieser Kirche ist der Teufel los“. Am Ende entschied sich der Veranstalter für einen anderen Ort, da ihm die Kirche zu klein erschien, um die
erwarteten Besucherscharen zu beherbergen. Es gibt aber auch Veranstaltungen, die selbst in der liberalen St. Johanniskirche nicht erwünscht sind.

Handel, Politik und Sekten kommen nicht rein

„Dazu zählen Darbietungen aus den Bereichen Politik, Sekten oder Handel“, so Stefan Kröhnert. Auch Techno-Partys und Abi-Feiern finden in dem sakralen Gebäude an der Max-Brauer-Allee nicht statt. Lärmende und Bier trinkende junge Gäste, die nächtens vor dem Kirchenportal herumlungern, könne man den toleranten Nachbarn nun wirklich nicht zumuten.
„Die Kirche bleibt aber nach wie wie vor ein Ort des Gottesdienstes, der Kirchenmusik und anderer Gemeindeveranstaltungen“, betont Beate Rump. Die 80 bis 100 kommerziellen Veranstaltungen pro Jahr würden indes Geld in die Kirchenkasse spülen, das dringend für den Unterhalt des Gebäudes gebraucht werde. Die Ticketpreise sind moderat, damit sich auch nicht so gut situierten Hamburger Kultur leisten können. Bis zu 500 Besucher passen in die St. Johanniskirche, die 1873 eingeweiht wurde.

1994 brannte die Kirche ab und musste saniert werden


Die Kirche diente in der ersten Zeit als Garnisionskirche für das in Altona stationierte Militär und galt später als Hochburg der Hitler-treuen Christen. Erhebliche Schäden erlitt das Gebäude, als ein liebeskranker Jugendlicher 1994 versuchte, die Kirche abzufackeln. Bei diesem Feuer wurde auch die Orgel völlig zerstört. 2014 konnte die langwierige Sanierung endlich abgeschlossen werden. Die neuen Kirchenfenster wurden von der international renommierten Künstlerin Professor Eun Nim Ro gestaltet. Die Glasmalereien zeigen moderne Motive, die signalisieren sollen, dass diese Kirche nicht länger auf Dominanz setzt, sondern auf Austausch und Kreativität.
Gleichzeitig will die St. Johanniskirche ein Haus sein, das seine eigene nicht immer rühmliche Geschichte nicht verschweigt. Pastor Michael Schirmer jedenfalls hat kein Problem damit, dass vor „seinem“ Altar kürzlich der Chor Damen-Likör über „Sekt und Lachs und Rock 'n' Roll“ gesungen hat, spielt er doch selbst äußerst talentiert Gitarre in einer Jazzband.

Kulturkirche

Das komplette Kulturprogramm und nähere Informationen zur St. Johanniskirche stehen im Internet unter www.kulturkirche.de
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