Wohnungsbau über (Baum)Leichen?

 
Behrendt baut in der ende Gaußstraße
 
so wird es ausehen
von Peter Eckhoff und Tine Renngård

Es ist bald vollbracht. Alsbald werden auch die letzten freien Flächen und jene die es werden könnten bebaut. Auch auf dem Gelände der alten Gewürzmühle in der Gaußstraße 71-75 wollen der Altonaer Spar- und Bauverein, zusammen mit dem Wohnungsbau Unternehmen Behrendt (die auch für die Baustelle am Ende der Gaußstraße - ehemalige Schrebergärten neben dem Thalia Theater- verantwortlich sind) etwa 60 neue Wohnungen bauen. Aber es wird noch Jahre dauern, bis hier tatsächlich gebaut wird, was vor allem an dem langwierigen Verfahren zur Umnutzung (derzeit ist das Gelände ausschließlich für Gewerbliche Nutzung vorgesehen) in Wohnflächen liegt. Doch wer weiß schon, wie die Wohnungslage dann aussieht? Vielleicht hat bis dahin ja der Wind gedreht, der Stadtteil ist nicht mehr so attraktiv, und entstehen überall leere Wohnungen.... Deshalb werden Leute, die ihr Geld mit Investitionen verdienen, auch Spekulanten genannt.

Der Altonaer Spar- und Bauverein hätte bei einem Treffen am 14.06.2012 mit der Interessengemeinschaft "Stadtteilmühle Ottensen" gerne mehr davon erzählt, wie klein doch diese Genossenschaft ist und wie wenige, bezahlbare und umweltfreundliche Wohnungen pro Jahr von ihnen gebaut werden können. Allerdings haben die Baupartner (in diesem Falle Behrendt) nicht vor, nur wenige Wohnungen zu bauen.

Vor einigen Jahren gab es im Altonaer Rathaus eine Informationsveranstaltung zur Bebauung am Ende der Gaußstraße. Der Abriss der dort ansässigen Schrebergärten, Schutz für Wildtiere (Fledermäuse), sozialer Wohnungsbau, bezahlbare Mieten im allgemeinen waren nur einige der Punkte, die interessierte Anwohner_Innen damals zu bedenken gaben.
Politiker und Bauausschuss haben sich für die Anregungen bedankt und zugesichert, daß auf diese Bedenken Rücksicht genommen wird. Fazit: Die Firma Behrendt baut derzeit dort 126 Eigentumswohnungen, die Schrebergärten sind verschwunden und wieder ist ein kleines Naherholungsgebiet teuren Eigentumswohnungen gewichen.

Einige Menschen der Interessengemeinschaft Stadtteilmühle Ottensen haben sich nicht nur mit dem Altonaer Spar- und Bauverein, sondern auch mit Vertreterinnen der Fraktion der GAL in Altona (im übrigen die einzigen des gesamten angefragten Parteienspektrums in der Bezirksverwaltung die sich interessiert gezeigt haben) getroffen um über die Zukunft des Geländes der alten Gewürzmühle in der Gaußstraße 71-75 zu sprechen. Interessen, Meinungen und Ziele wurden ausgetauscht. Die Grünen können nach eigenen Aussagen leider nicht viel machen und sind, wie alle Politiker zur Zeit fast ausschließlich mit sparen beschäftigt. Sowieso sind Ihnen die Hände gebunden, da das Gelände eh nicht der Stadt gehört und sie (angeblich) daher keinen Einfluss auf die Pläne haben, die die Eigentümer jetzt umsetzen wollen. Der Altonaer Spar- und Bauverein will, nicht überaschend, dort Wohnungsbau betreiben. Sie sind nicht daran interessiert, das Viertel für die Anwohner_Innen und/oder ihre Genossenschaftsmitglieder aufzuwerten oder einfach etwas sozialen, frei zugänglichen Raum zu erhalten bzw. zu schaffen. Die Stadtteilmühle Ottensen ist aber nach wie vor daran interessiert, darüber zu reden, wie es möglich ist, ein umfassendes, unkommerzielles Stadtteilzentrum in Ottensen aufzubauen.

Es ging nie nur darum, einen lokalen Treffpunkt in irgendeinem Haus zu errichten, sondern um einen Ort, der vielfältig und groß genug für Innen- und Aussenaktivitäten in jeder Form und Farbe ist. Kein noch nicht bebautes Grundstück in Ottensen ist für diesen Zweck besser geeignet als die alte Gewürzmühle.

Die "Umweltstadt" Hamburg, oder einfach der Senat, ist scheinbar der richtige Ansprechpartner, wenn es um lokale Anliegen geht, so seltsam das auch klingen mag. Mehrfach wurde den Bürgern gezeigt, das der Bezirk nur das entscheiden darf, was dem Senat in den Kram passt (z.B. Bismarkbad) und leider hat ein Bürgerbegehren "nur" den gleichen Stellenwert wie ein Bezirksamtsbeschluss. Warum sich also einlassen auf Bezirksverwalter und sparbesessene, zögerliche Lokalpolitiker die scheinbar sowieso nichts zu melden haben, wenn man als Interessengemeinschaft voran kommen will?

Moderne politische Fragen und Probleme sind häufig nicht mit alten Gesetzen zu lösen. Wohin sollen sich Menschen wenden, die keine Partei gefunden haben, die ihre Interessen vertritt oder die keine Zeit dazu haben, sich Vollzeit mit Politik zu beschäftigen? Sind die Zeiten von Solidarität und Menschenwürde vorbei?

In der Gaußstraße ist, wie überall, Geschichte passiert und Veränderungen sind nichts neues. Eine Straße, die als "Lagerstraße" anfing wurde länger und umbenannt (in Gaußstraße). Es gibt auch keine Besonderheiten, die diese Straße irgendwie einzigartig machen. Doch eines hat sich im laufe der Jahre doch zu einem Unikat entwickelt. Es ist durch den jahrelangen Leerstand der alten Gewürzmühle eine wild gewachsene Grüne Lunge entstanden.

Das Osterkirchenviertel (damals klein Heringsdorf genannt) wurde einst nicht erbaut, um den Arbeitern des Viertels Raum für Erholung zu bieten, sondern um Profit zu machen. Die späteren Abschnitte der Gaußstraße, die leider keinen bekannten Namen als Quartier hatte, wurden auch erheblich mit Wohnungen, Werkstätten und Fabriken bebaut. Aus unbekannten Gründen standen in der neueren Vergangenheit einige Flächen leer und Mensch und Natur durften ziemlich ungestört wachsen (lediglich unterbrochen vom, als Öko-Einkaufszentrum geplanten, Vivo-Center). Der Hochbunker an der Ecke Barnerstraße/Gaußstraße bildet den Anfang dieser wild gewachsenen Grünen Lunge Ottensens. Seit mehr als 10 Jahren steht die Gewürzmühle leer, der Bauwagenplatz feiert sein 20 jähriges Bestehen und hat sich gut in seine Umgebung integriert und kaum ein Kind kennt den Bauernhof der Fabrik oder den Spielplatz an der Bahrenfelder Straße nicht.
Hier hatte und hat die Natur die Möglichkeit, sich selbst ein bischen Raum zurück zu erobern.

Wieviel Arbeit ist nötig, um Leute und Partner zu finden, die sich für den Schutz dieser wenigen Grünzüge einsetzen, in einem Viertel, in dem ein Grundstück nach dem anderen verkauft wird weil es doch so viele Wohnungen braucht und eine Menge Investoren das schnelle Geld wittern? Ist es nicht auch notwendig für ein gutes, interessantes und auch "urbanes" Zusammenleben im Viertel, Naherholung und ein kleines bisschen Natur zu erhalten und zur Not sogar zu schaffen? Kann man mit den Verantwortlichen Behörden überhaupt über Rückkäufe sprechen, wenn es an allen Ecken an Geld fehlt?

Anscheinend glaubt die Interessengemeinschaft "Stadtteilmühle Ottensen" daran. Die Idee ist, die "Bürden" zu teilen. Die Stadt kauft den Hochbunker vom Bund und das daneben liegende Grundstück vom Altonaer Spar- und Bauverein/Behrendt. Die Grundstücke des Bauwagenplatzes und der Fabrik Bauernhof werden jetzt schon von der Finanzbehörde der Stadt Hamburg vermietet. Der Spielplatz an der Bahrenfelder Straße bildet einen passende abschluss für das gesamte Areal. Diese Grundstücke zusammen sollten als Verbund und als Grünzug für Ottensen betrachtet und erhalten werden. Ein Stadtteilzentrum sollte nach den Wünschen und durch die Mitarbeit von interessierten Anwohner_Innen in Gang gesetzt und durch die Nutzer_Innen betrieben werden. Da es ein offener Ort sein sollte, der nicht von einzelnen Gruppen vereinnahmt werden soll, sondern großteils durch das Engagement der Nutzer_Innen in Betrieb gehalten werden sollte, braucht es keine Angestellten. Also fallen hier keine Kosten an. Lediglich eine Art "Sekretär_In", (Jobbeschreibung: Schlüsselaufpasser, Hausmeister, Bevollmächtigter und vor allem Koordinator für die Kommunikation der Nutzer_Innen untereinander) der/die den Überblick behält, würde hier benötigt werden. Spenden/Sachspenden sind kein Tabu da es sich um ein langfristiges Projekt handelt mit dem einzigen Ziel, gemeinnützig zu arbeiten und sich nicht von der "Lobby" bestechen zu lassen.

Dies sind nur einige der Ideen, die sich die Interessengruppe "Stadtteilmühle Ottensen" vorstellen kann. Leute, die mitmachen möchten, die ähnliche oder ganz andere Ideen haben, werden laufend gesucht. Die Leute, die dieses Projekt antreiben, haben noch Fragen; Werden wir erst den Verkauf des Vivo-Centers an Behrendt abwarten müssen bevor Menschen hier im Viertel reagieren? Hat dieser grüne Raum einen Wert um darum zu kämpfen oder sind alle Anwohner_Innen dieses Viertels nur scharf auf noch mehr Nachbarn?
Die Interessengruppe “Stadtteilmühle Ottensen” arbeitet weiter an dem Kontakt mit verschieden Gruppen innerhalb Politik und Gemeinnützigkeitsarbeit, um Unterstützung und Menschen,die Raum brauchen, zu finden. Es wird auch demnächst wieder zu einem Treffen aller Interessierten eingeladen und das Mühlen-Projekt weißt auf seine Homepage hin um sich weiter zu informieren. (stadtteilmuehleottensen.npage.de)
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