Was hat Ottensen noch anzubieten?

Hamburger Abenblatt von 05.07.11
 
Elbe Wochenblatt Netzausgabe 15.06.12 von K. Witt geschrieben
Hamburg vermarktet sich und Ottensen ist ein Markt geworden. Ein freier Markt im weiteren Sinne des Wortes, denn diesmal wird keine Ware verkauft, sondern Kleinstadtidylle und wer Geld hat kann sich kaufen, was da ist.

Die Politiker dieser Stadt haben versprochen, 6000 neue Wohnungen pro Jahr zu schaffen und es scheint, als würden sie über die alten Bestandsbauten, den öffentlichen Raum und die Geschichte den Vierteln Hamburgs großzügig hinweggehen, um dieses Ziel zu erreichen. Allein der Zweck des Wohnungsbaus scheint alle Mittel zu heiligen.

Wo waren diese edlen Vorsätze als es um Wohnungsbau für die nicht so Geldstarken ging? Jetzt wo „die Massen“ die innenstädtlichen Vierteln und Quartiere entdeckt haben lohnt sich das Geschäft wieder und ohne Gnade wird den Entwicklungen freien Lauf gegeben.

Einige würden vielleicht sagen, dass Ottensen gerade ausgeschlachtet wird und an die Höchstbietenden verkauft. Aufgrund der wenig vorhandenen Transparenz und den nicht wirklich beteiligenden Bürgerbeteiligungsverfahren ist es kaum vorauszusehen was auf uns Bewohner hier im Viertel noch zukommen wird. Andere finden den Wandel spannend, kaufen ein in Kettenläden die überall sonst auch zu finden sind und treffen sich mit Freunden in den angesagten Läden. Einige Bewohner haben schon längst die Motten gekriegt, andre können nicht genug von Entwicklung bekommen und freuen sich, noch öfter und enger in den hippen Cafés an den Bürgersteigen zu sitzen. Wenn Nachbarn anfangen würden die lokalen Lokale zu benutzen in den noch nicht „Entdeckten“ Vierteln unsere Stadt, müssten da die Läden nicht zu machen. Denn es gibt viele Ecken in Hamburg die fast nie benutzt werden, weil diese Stadt sich intern sehr einseitig vermarktet.

An einer Ecken unsere Stadt konnten sich die Bewohner mit einem Bürgerbegehren durchsetzen (als neues Beispiel: Eidelstedt; Park oder Einkaufszentrums-Erweiterung) und das Ergebnis wurde von den Politikern akzeptiert. Ein Park wird erhalten. Die hatten eben Glück dass der Senat keine andren Pläne hatte und sich nicht eingemischt hat. Das Bürgerbegehren ist quasi das einzige Mittel für Menschen mit Stimmberechtigung, sich in der bestehenden repräsentativen Demokratie direkt zu beteiligen, mitbestimmen oder dagegen zu wirken.

Könnten die Bewohner in Ottensen noch mal überzeugt werden, sich an einem Bürgerbegehren zu beteiligen? Und wie stünde es um die Wahlbeteiligung in ganzen Bezirk Altona, wenn die Bürger stetig zu lokalen Vorhaben in jede Ecke des Bezirkes gefragt würden? Und für oder dagegen was sollten wir Bürger dieses Mal Unterschriften sammeln?

Schlimm genug, dass wir schon bei den öffentlichen Verfahren kaum ein echtes Mitspracherecht haben; doch wenn es um den privaten Sektor geht, haben weder Stadt noch Bürger reelle Chancen, Bauvorhaben direkt einzusehen oder mitzugestalten.


„Wozu auch?“ fragen sich vielleicht einige und halten Privatbesitz für nichts Schlimmes; Investoren investieren ja tatsächlich um Geld zu verdienen. Anwohner in dicht besiedelten, innenstadtnahen, „über Nacht“ zu Ruhm gekommenen „In-Vierteln“ sind vielleicht selber schuld wenn die da wohnen bleiben wollen wo es bald kein Sauerstoff mehr geben wird und „nichts mehr so ist wie es war“. Die „neuen“ Anwohner werden vielleicht sauer sein wenn die versprochene „Dorfidylle“ mit dem letzten Baum verschwindet, der für noch einen Wohnhausbau weichen muss, der wiederum den eventuell versprochenen „offene Platz mit viel Blick zum Himmel“ rauben wird. Darauf wird keine Rücksicht oder Halt gemacht. Es boomt und Geld könnte schnell gemacht werden.

Werden wir hier im Viertel je zu einem „Mehr Ottensen“-Mitmach-Projekt eingeladen um dann festzustellen, dass Bauherren Zusagen für Bebauung auf den öffentlichen Flecken, die wir Ideenreich mitgestalten durfte, schon längst haben? Wie im Fall der „Bergspitze“ (Neue Große- und Große Bergstraße/Goethe Alle/Altonaer Poststraße). Wie lange werden wir, die Bürger, weiter nichts tun, weil wir gehört haben oder glauben, dass es zu spät sei? Was ist zu spät? Den gewählten Verwaltern Bescheid zu sagen, dass es so nicht weiter geht? Wir möchte nicht wie eine altmodische Prinzipenreiterschare uns ausdrücken, nur noch mal daran erinnern, denn es liegt nahe; im Moment ist es so, wie die Politik es gerne hat, denn je weniger sich jemand einmischt desto mehr können „Die“ (die Politiker und die Investoren und die Lobbyisten u.s.w.) nach eigenen Vorstellungen handeln.

Es ist vielleicht nur ein alberne Idee, aber vielleicht ist die Zeit gekommen; ein Bürgerbegehren, gegen Lokalpolitikern sowie dem Senat generell und den die Möglichkeit nehmen ein Bürgerbegehren zu übergehen/überstimmen.

Vielleicht war es einmal so, dass sich Ottensen von anderen „entdeckten“ Vierteln andrer großer Städte dieser Welt unterschied. Und vielleicht war es einmal so, dass es hier Einwohner gab die sich dem unerwünschten Wandel, ohne Angst vor Niederlagen, entgegen gestellt haben. Sonst wären hier in Ottensen längst kein „Dorf“ mehr sondern Bürohäuser und ein Autobahnzubringer. Heutzutage herrscht eher eine „NATO“ Haltung: No Action, Talk Only. Es ist nicht einfach Menschen in Bewegung zu bringen, die selbst dann noch sitzen, wenn die Hütte schon brennt. Wie viele Aufforderungen, um selbst die Sachen anzupacken, müssen noch kommen? Oder sind unsere Viertel es nicht mehr wert?

Interessegruppe Stadtteilmühle Ottensen werden nicht aufgeben und wir Kämpfen weiter für ein Stadtteilzentrum in Ottensen und für mehr Einfluss auf der Lokalpolitik.


Diesen Text ist von der Gedankenmühle geschrieben
Stadtteilmühle Ottensen

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