Tanzen zu Vivaldi

Schauspielern, tanzen, Deutsch lernen: Darstellerin Shahd (10) kommt aus Syrien. Foto: cvs
 
Bunte Blüten im Frühjahr: Ahmed, Can, Justin (alle 9, v. l.).
Hamburg: Thalia Gaußstraße |

„Jalla – Let's Do it“: Hamburger Symphoniker machen Musiktheater mit Fllüchtlingskindern – ein Probenbesuch

Von Christopher von Savigny. Das große gelbe Tuch bedeckt die gesamte Bühne. Ein karger Acker vielleicht, eine brach liegende Wiese im Vorfrühling. Nur die sachte Betriebsamkeit unter dem Laken deutet an: Hier passiert gleich etwas. Dann setzen die Streicher ein mit den ersten Takten von Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Die gelbe Landschaft gerät in Bewegung: Das Tuch verschwindet, auf der Bühne werden zusammengekauerte Gestalten sichtbar – Blumenzwiebeln offenbar, die jetzt Blätter treiben und immer größer werden. Auf ihrer Brust tragen die Kinder fröhliche, selbstgebastelte Blumenmotive. Die ganze Welt ist mit einem Mal viel bunter und lebendiger geworden – es ist Frühling.
„Jalla – Let's Do it“ heißt das Musiktheater-Projekt, das die Symphoniker Hamburg und das Thalia-Theater im letzten Herbst zusammen mit den Kindern einer Billstedter Grundschule gestartet haben. Begleitet von vier Orchestermusikern und einer Handvoll Theaterpädagogen haben rund 30 bis 35 Kinder aus einer dritten und aus einer Internationalen Vorbereitungsklasse ein Stück zu den Klängen des italienische Komponisten Antonio Vivaldi (1678 – 1741) entwickelt. Anfang Mai wurde das rund einstündige Werk zweimal im Thalia in der Gaußstraße aufgeführt.

„Jalla“ heißt, dass es für die Kinder losgeht


„Jalla“ ist ein häufig verwendeter Ausdruck im Türkischen und im Arabischen. Er bedeutet soviel wie „Los!“ oder „Auf geht’s!“ Auch für die Geflüchteten geht es erstmal ums Ankommen, ums Fußfassen und um den Start in ein neues Leben. „Kinder, die ihr krisengeschütteltes Heimatland verlassen mussten, haben viel Schreckliches hinter sich und stehen nun hohen Anforderungen gegenüber. Neue Schule, neue Kultur, neue Sprache“, sagt Johanna Franz, Education-Leiterin bei den Symphonikern.

Einige Darsteller sprachen zu Beginn kein Deutsch

„Durch die Kombination von Musik und Theater bekommen die Kinder die Möglichkeit, ihre Gefühle ohneWorte auszudrü-cken, Erlebtes zu verarbeiten und sich in der neuen Umgebung zu stabilisieren.“ Anfangs ein- bis zweimal monatlich – in den letzten zwei Wochen sogar jeden Tag – haben Franz und ihr Team zusammen mit den Kindern geprobt und Szenen entwickelt. „Wir haben uns zum Beispiel gefragt: Was fällt uns zum Thema Herbst ein? Was zum Thema Sommer?“ berichtet die Pädagogin. Herausgekommen ist eine ganze Reihe sehr vergnüglicher Szenen, in denen die Kinder „ihre“ Jahreszeiten nachspielen – als im Wind schwankende Blumen, als bibbernde Schneehaufen oder auch als Spaziergänger, die mit bunten Regenschirmen gegen den wütenden Herbststurm ankämpfen.
Am meisten Spaß bereitet den Kindern die Szene zu Beginn, in der alle unter dem großen, gelben Tuch versammelt sind. Einmal sind sie schon vor Publikum aufgetreten, bei einer Schulvorstellung mit 280 Besuchern. „Sehr aufregend“, findet das Lazar (12) aus Serbien, der seit vier Jahren in Deutschland lebt. Ungefähr 15 Nationalitäten stehen bei „Jalla“ gemeinsam auf der Bühne, einige der Kinder konnten zu Beginn noch gar kein Deutsch. Verständnisschwierigkeiten waren an der Tagesordnung: „Bei einigen Szenen wusste die Hälfte der Gruppe nicht, was sie tun sollte“, berichtet Theaterpädagogin Christina Fritsch. Doch die Teilnehmer hätten sich gegenseitig sehr geholfen und für ihre Mitspieler übersetzt. „Im Laufe der Projektarbeit haben sie auch gelernt, genauer hinzuhören“, sagt Fritsch. „Zum Beispiel, dass sie an einer bestimmten Stelle von der Bühne gehen müssen, wenn die Musik leiser wird. Zu Beginn war das schwierig: klassische Musik und Theaterspiel. Inzwischen hat man den Eindruck, dass die Kinder richtig von der Musik getragen werden!“
Zur Vorbereitung haben die Dritt- und Viertklässler im Unterricht hübsche Bilder mit jahreszeitlichen Motiven gemalt, die während der Vorstellung auf den Bühnenhintergrund projeziert werden. Außerdem gibt es recht beeindruckende Stop-Motion-Filmchen mit tanzenden Blättern und wandernden Nussschalen zu sehen, die in Zusammenarbeit mit einer Videokünstlerin entstanden.
Mit ihrem Education-Programm sind die Symphoniker regelmäßig an Hamburgs Schulen und Kitas unterwegs. „Jalla“ ist eines der größten Projekte bislang. Vom Stiftungsrat der Deutschen Orchester-Stiftung gab es dafür 850 Euro aus Spendengeldern.
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