Seemannsbraut ist die See

Ölgemälde von Michael Borkowski, nach einem Fotomotiv aus der Seefahrt seines Vaters gemalt und ein wenig zum Leben erweckt.
 
Baiba Grebe ist begeistert von Michael Borkowskis Ausstellung.
Hamburg: Mercado | Wellen bauen sich auf und fallen mit einem angenehmen plätschernden Rhythmus in sich zusammen, wenn die größten Schiffe der Welt hautnah am Elbstrand vorbeifahren. Sie alle haben gemeinsam das gleiche Ziel, das Tor zur Welt. Dort, wo sich alle Fäden zu einem Knotenpunkt zusammenziehen, in Altona und Hamburg.

Mit Wehmut erinnere ich mich sehr oft daran, wie ich als kleiner Steppke mit Tränen in den Augen von der Kaimauer des ehemaligen Fischereihafens aus meinem Vater zuwinkte, wenn er wieder einmal für längere Zeit mit einem Fischdampfer langsam in die weite Ferne hinausfuhr. Mit der anderen Hand hielt ich ganz fest die Hand meiner Mutter, die weinend versuchte, ihrem geliebten Mann noch etwas zuzurufen. Aber mein Vater konnte es nicht mehr wahrnehmen, zu laut waren die Maschinen an Bord. So war das Abschiednehmen jedes Mal.

„Seemanns Braut ist die See und nur ihr kann er treu sein!“ Hans Albers besang mit diesem Lied den Seemann wohl aus vollem Herzen. Die lange Zeit auf See schweißte die Männer auf ihrer kleinen schwimmenden Welt zusammen. Jeder war auf den anderen angewiesen. Noch heute erzählen mir ehemalige Kollegen stolz von meinem Vater, dass auf ihn hundert Prozent Verlass war. Er hätte sich lieber die Hände abreißen lassen, bevor er den Tampen losgelassen hätte, wenn zum Beispiel ein Kollege bei Sturm über Bord gespült wurde und mit einem Tau wieder hereingeholt werden musste. Solche Erzählungen machen mich heute sehr stolz, und ich schenke meinem Vater große Bewunderung, die ich ihm zu Lebzeiten nicht zukommen ließ. Als junger Mann zeigte ich kaum Interesse an seinem Beruf. Ich hatte Flausen im Kopf. Aber das Leben zu Haus ohne meinen Vater war auch nicht einfach. Meine Mutter musste in dieser langen Wartezeit, die oftmals bis zu sechs Monaten dauerte, alles managen. Alles, was anfiel, musste sie für sich allein lösen. Auch für die Erziehung von mir und meinem sieben Jahre älteren Bruder war sie allein verantwortlich. Mein Vater lebte sein Leben irgendwo dort draußen auf einem Männerschiff, irgendwo weit hinter dem Horizont, und wir als Familie lebten unseres auf dem Festland, in der Heimat.

Hin und wieder im Jahr kam mein Vater dann zu Besuch, was für mich wie Weihnachten war, denn er brachte uns jede Menge Geschenke mit. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, dass ich ihn gefragt hatte, ob er mir aus der weiten Ferne, aus einem fernen Land, Muscheln mitbringen könnte. Mein Vater hatte tatsächlich daran gedacht. Ich hatte mir vorgestellt, wie mein Vater ganz allein irgendwo am Strand entlang ging und nach Muscheln für seinen Sohn suchte. Es waren für mich die schönsten Muscheln der Welt, weil er mir damit das Gefühl gab, dass ich wichtig bin. Aber trotz der kurzen Besuchszeit - als Seemann unter Landratten war es für ihn und erst recht für uns sehr schwierig, miteinander auszukommen. So bekam er zum Beispiel niemals mit, dass sich die Welt außerhalb des Schiffes weitergedreht hatte, je nachdem, wo er sich gerade auf See befand. Er muss sich wie ein Zeitreisender aus der Vergangenheit vorgekommen sein, als er meinen Bruder mit langen Haaren, Flower Power Kleidung und Sandalen an den Füßen entdeckt hatte. Denn die Hippy Ära war an meinem Vater spurlos vorbeigerauscht.
Die Zeit auf dem Schiff blieb stehen, aber an Land raste sie mit allen Veränderungen des Alltags vorbei. Die gemeinsame Bindung der Kollegen riss auch am Land nicht ab. Zum Leidwesen meiner Mutter, denn in den Kneipen waren die Seeleute mit ihrer Heuer sehr willkommen. Dort wurde nur eine Sprache gesprochen – die raue Sprache der Seemänner. Jeder verstand hier jeden. Wie auf See, denn auch hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Hier kannte sich mein Vater noch aus. Aber dann kam wieder die Zeit des Abschiednehmens, und mein Vater war wieder irgendwo mit dem Schiff und seinen Kollegen weit weg.

Aber es kam der Tag der Tage, an dem meine Mutter der Kapitän an Bord wurde und sich durchsetzte. Mein Vater musste sich entscheiden - für seine Familie oder für die See. Das war für ihn bestimmt harter Tobak. Meine Mutter siegte, und mein Vater blieb für immer an Land. Aber nur körperlich, niemals mit seiner Seele. Mit seiner Seele war er immer weit weg, immer noch an Bord mit seinen geliebten Freunden und Kollegen. Um die Seefahrt nicht ganz zu vergessen, hatte er sich ein kleines Boot angeschafft, was er mit Liebe versucht hatte, seetüchtig zu machen. Aber leider kam es niemals zum Auslaufen.

Manchmal stehe ich am Elbstrand von Oevelgönne und stelle mir vor, wie mein inzwischen verstorbener Vater winkend auf einem Fischdampfer an mir vorbeifährt. Im Geiste winke ich zurück und wünsche ihm viel Glück auf seiner weiten Reise von mir, dem Strandmatrosen, der bis heute das Wasser nur vom Ufer aus kennt.

Das Gemälde zu dieser Geschichte ist ab dem 1. November bis zum 30. November in der Budnikowsky Filiale im Untergeschoss des Mercado Einkaufszentrum, Ottenser Hauptstraße 10, zu sehen.
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