Obdachlos trotz Dringlichkeitsschein

Bis zum März wohnte Marco Schwerend im zweiten Stock des Mistralbunkers, doch dann zerstörte Löschwasser die kleine Wohnung. Foto: Schwarz

Altonaer verliert Wohnung durch Brand und sitzt immer noch auf der Straße

Von Reinhard Schwarz. Marco Schwerend steht vor dem Mistralbunker im Schanzenviertel: Hier hatte er bis vor Kurzem im zweiten Stock eine 25 Quadratmeter große Wohnung. Doch nach einem Wohnungsbrand im fünften Stock am 11. März dieses Jahres ist er obdachlos. Löschwasser ruinierte seine Wohnung.
Zwar ist die Unterkunft mittlerweile wieder renoviert, doch er möchte dorthin nicht zurück. „Weil ich gesehen habe, wie dort jemand an meinem Fenster vorbeistürzte“, sagt der 50-Jährige. Derzeit schläft er bei Bekannten und Freunden. Beim Brand habe er noch anderen geholfen, nun sitze er unverschuldet auf der Straße.

Nach dem Absturz kommt er wieder auf die Beine

Schwerend kämpft um eine Rückkehr in die Gesellschaft, absolviert bei einem Beschäftigungsträger eine Weiterbildung zum Tischler mit Jobperspektive. Er erzählt seine Geschichte: Zusammen mit einer Frau wollte er vor einigen Jahren nach Griechenland auswandern, hatte zwei Jahre in Amsterdam als EDV-Techniker auf Montage gearbeitet und 20.000 Euro angespart. Die sind weg. Seine Partnerin sei mit dem Geld durchgebrannt. Der Absturz folgte. Nun will er wieder auf die Beine kommen, sucht verzweifelt eine Wohnung.
„Ich habe einen Dringlichkeitsschein, aber überall bekomme ich zu hören: ‚Es sind noch andere da mit solch einem Schein‘.“
Alternativ habe man ihm einen Platz im Männerwohnheim Bornmoor in Stellingen angeboten. „Da war ich schon mal. Dort leben mehrere Menschen in einem Raum, da ist schon mal einer mit dem Messer auf mich losgegangen.“ Viele Bewohner dort hätten Probleme mit Drogen und Alkohol. Als trockener Alkoholiker sei das für ihn die denkbar ungünstige Umgebung, er fürchtet einen Rückfall.
Aber es gibt einen Hoffnungsschimmer: Nach einer Beratung bei der Ambulanten Hilfe Hamburg (AHH) in Altona könne er möglicherweise einen Wohn-Container für eine Person beziehen, sagt er am Telefon. Doch noch sei nichts entschieden.

Stellungnahmen

So wie Marco Schwerend geht es immer mehr Altonaern auf dem Wohnungsmarkt. Das Elbe Wochenblatt hat bei Wohnungsunternehmen, Hilfsorganisationen und dem Bezirk nachgefragt.
Kerstin Matzen, Sprecherin Saga GWG: „Herr Schwerend ist bei uns als Wohnungssuchender registriert und wir bemühen uns, eine passende Wohnung zu finden."
Bettina Reuter, Ambulante Hilfe Hamburg: „Die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt wird immer schlimmer, die Zahl der Wohnungssuchenden, die auf das günstige Preissegment angewiesen sind, wird immer höher. Das sind katastrophale Zustände. Es kann jeden treffen, zum Beispiel bei einer Trennung, wenn etwa ein Partner ausziehen muss. Es fehlen nicht nur Wohnungen, sondern ganz dringend kurzfristig vorübergehende Unterbringungsmöglichkeiten für Obdachlose.“
Auf die Frage, warum die Stadt Hamburg nicht zusätzlich zu den Express-Bauten für Flüchtlinge auch Unterkünfte für Wohnungslose baue, erklärte sie:
„Die Stadt argumentiert damit, dass eine Sogwirkung vermieden werden soll.“ Gemeint ist damit, dass Arbeitssuchende aus Osteuropa abgeschreckt werden sollten. Weil diese Wanderarbeiter hier keine Jobs finden oder nur schlecht bezahlte, könnten diese sich kaum eine reguläre Wohnung leisten und würden Obdachloseneinrichtungen aufsuchen. „Die Bereitstellung neuer Unterkünfte könnte zum Beispiel mehr Menschen aus Osteuropa anlocken, diese Politik dient der Abschreckung an die Adresse jener, die planen, nach Deutschland zu kommen.“ Die Behörden lehnten darüber hinaus auch die Öffnung leer stehender Flüchtlingsunterkünfte für Obdachlose strikt ab.
Martin Roehl, Sprecher Bezirksamt Altona: „Städtische und die genossenschaftlichen Wohnungsunternehmen halten, aufgrund des Kooperationsvertrages mit der Fachbehörde, auch Wohnungen für Personen mit einem Dringlichkeitsschein vor. Diese Wohnungsunternehmen entscheiden als Eigentümer und Vermieter aber selbst darüber, wen Sie als Mieter aufnehmen. Da es in Hamburg zur Zeit mehr Wohnungssuchende mit einem Dringlichkeitsschein als Wohnungen für diesen Personenkreis, gibt, ist es schwer, eine Prognose darüber abzugeben, wann sich ein Vermieter für einen bestimmten Bewerber entscheidet.“ RS
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1 Kommentar
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Peter Wulf aus Altona | 21.07.2016 | 12:32  
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