Hat er eine demente alte Dame betrogen? Oder war es sein Doppelgänger?

Ich habe die Dame nie gesehen, behauptet der Angeklagte, der eine demente alte Frau betrogen haben soll.
Hamburg: Amtsgericht Altona, |

Angeklagter soll als Fensterputzer aufgetreten sein.

Ein Mann kann nicht an zwei Stellen zugleich sein. Soviel steht fest. Das ist aber auch das einzige, was feststeht in der Verhandlung gegen Thomas M. (52). Er wird verdächtigt, eine demente 86-Jährige um 50 Euro betrogen zu haben. „Ich war das nicht“, sagt er. Sein Anwalt plädiert auf Freispruch.
Das Foto aus der Überwachungskamera der Haspa ist gestochen scharf. Es scheint einwandfrei zu belegen: Um 13.11 Uhr am 24. Februar hat M. an der Kasse einen Scheck der 86-jährigen Dorothea B. eingelöst. Einen Scheck, den er sich auf miese Weise erschlichen haben soll: Er hat bei der alten Dame in der Ostermeyerstraße geklingelt, sich als Fensterputzer angeboten, im Wohnzimmer die Fensterbank abgeräumt, sich einen Scheck unterschrieben lassen, den er dort fand, und ist unverrichteter Dinge wieder verschwunden.
Vor Gericht stellt der Angeklagte die verkörperte rechtschaffene Empörung dar, presst das Kinn an den Hals, schiebt die Unterlippe vor, setzt die Brille ab und legt sie penibel genau parallel zur Tischkante hin. Er hat keine Ahnung, wer das ist auf dem Foto, er ist es jedenfalls nicht. Zum Beweis legt er ein Schreiben der Heilsarmee vor, wo er täglich ehrenamtlich arbeitet. Keinen einzigen Tag habe er gefehlt, steht darin. Er kann also am 24. Februar gar nicht als Betrüger unterwegs gewesen sein.
Die Richterin ruft die alte Dame herein. Die Rentnerin sitzt im Rollstuhl, wird geschoben von ihrem Sohn. Sie lächelt lieb in die Runde. Dorothea Johanna Elisabeth heißt sie mit Vornamen, aber wie alt sie ist, weiß sie schon nicht mehr. „Kommt der Herr dort Ihnen bekannt vor?“ fragt die Richterin sie. Die Rentnerin mustert den Verteidiger. „Nicht der, der daneben“, sagt die Richterin. Nein, Dorothea B. kennt ihn nicht und weiß auch nicht mehr, was im Februar passiert ist.
Der Angeklagte guckt zufrieden. Aber die Richterin lässt nicht locker: „Meiner Meinung nach sind Sie das auf dem Foto“. „Es geht doch hier nicht nach Ihrer Meinung“, entfährt es dem Angeklagten. Die Richterin ist baff. Aber nicht lang: Am Montag, 15. August, um 9 Uhr (Saal 245), geht die Verhandlung weiter. Ein weiterer Zeuge soll gehört werden:ein Pfleger, der den angeblichen Fensterputzer eventuell flüchtig gesehen haben könnte. Und wenn das nichts bringt, soll ein Gutachter das Foto mit dem Gesicht des Angeklagten vergleichen.
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