"Es war mein Zwillingsbruder!"

Nach dem Freispruch wollte er nur noch weg. Thomas M. war der Betrug nicht nachzuweisen. (Foto: cvs)
Hamburg: Amtsgericht Altona, | von Christopher von Savigny
Alles schien auf den Mann mit den hellen Haaren und dem Strickpullover hinzuweisen: das Foto aus der Überwachungskamera der Sparkasse, der ominöse Scheck. Doch am Ende muss selbst die Staatsanwältin klein beigeben: „Die Beweise reichen für eine Verurteilung nicht aus“, sagt sie. Der Angeklagte, Thomas M. (52), wird freigesprochen. Kurz zuvor hatte er dem Gericht überraschend einen neuen Tatverdächtigen präsentiert: „Es war mein Zwillingsbruder!“
Rückblick: Am 24. Februar dieses Jahres bekommt Dorothea B. (86) in der Ostermeyerstraße,Besuch von einem angeblichen Fensterputzer. Die alte Dame, die unter Demenz leidet, lässt den Mann gewähren. Kurz darauf fehlt ein Scheck über 50 Euro, der später in der Hamburger Sparkasse eingelöst wird. Verdächtigt wird Thomas M.
Bereits vor ein paar Wochen hatte sich das Amtsgericht Altona mit dem Fall beschäftigt. Nun, bei der zweiten Verhandlung kommt ein Zeuge ins Spiel: „Ja, es hat plötzlich ein Mann im Flur gestanden, der sich als Fensterputzer ausgab“, berichtet Altenpfleger Boy C. (56). Sein Gesicht habe er sich allerdings nicht so genau angesehen. „Ich dachte, Frau B. hätte ihn bestellt.“ Die Richterin bohrt nach: „Sah er vielleicht so aus?“ Sie deutet in Richtung des Angeklagten. C. schüttelt den Kopf. „Er hatte lange, zurückgekämmte Haare.“
Erst jetzt lässt Thomas M. die Bombe platzen und erzählt seine Tatversion mit dem Zwillingsbruder. „Sie haben mich ja nicht gefragt“, gibt er zu Protokoll. Anschließend verweist er noch einmal auf sein Alibi: Er arbeite täglich ehrenamtlich bei der Heilsarmee. So auch am 24. Februar. Zur moralischen Unterstützung hat sich M. zwei junge Heilsarmisten mitgebracht, die auf der Zuschauerbank sitzen.
Bleibt die Frage mit dem Scheck, der ganz offensichtlich zwei verschiedene Handschriften trägt. Obwohl die Sache nicht ganz koscher ist, winkt die Staatsanwältin ab: „Möglicherweise hat sich Frau B. überreden lassen, den Scheck zu unterschreiben und es anschließend vergessen.“ Laut Auskunft der Richterin bestehen kaum noch Chancen, an den wahren Täter heranzukommen. „Ich mache mir keine großen Hoffnungen“, sagt sie nach der Verhandlung.
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