Alte Gesetze und Interesse für Lokalgeschichte

Staddteilarchiv Ottensen im Hinterhof, Zeißstraße
 
Gaußstraße gekreuzt von Barnerstraße
 
Walter Schwere Norddeutsche Gewüerzmühle
 
Molkenstift
 
Stadtteilmühle Ottensen ging zu erste mahl auf die Straße in Dez 11, zu Alma Wartenberg Platz
In Ottensen bietet uns das Stadtteilarchiv viele schöne und lehrreiche Spaziergänge zu verschieden Themen an. Wir haben Glück, dass so viele Freiwillige sich ehrenamtlich eingesetzt haben, zusammen mit den wenigen Angestellten, um unsere lokale Geschichte zu sammeln und erhalten. Diese Arbeit haben die schon seit mehr als 30 Jahren gemacht, ständig ergänzt von Nachbarn und früheren Bewohnern.

Ich wollte auch einen Teil dazu beisteuern, und im Zusammenhang mit einem anderen Projekt hat es endlich gepasst, mit einer alten Idee anzufangen; der Geschichte der Gaußstraße, wo auch ich wohne, nachzugehen.

Erste Versuche starteten tatsächlich in 2010, mit Briefen an einige erkennbare Grundbesitzer in der Straße und natürlich vor Ort, ein Besuch im Stadtteilarchiv Ottensen (weiter StaO genannt) wo sie, wie immer, sehr behilflich waren, aber nicht viel in ihrem Archiv hatten. Fast gar nichts. Das Nächste war, alle Publikationen und Bücher über Ottensen zu lesen. Das hat was gebracht, und ich konnte mit Ansätzen wie; wann die Straße entstanden ist; einige Betriebe, Fabriken, Geschäfte und wem es gehörte, anfangen. Lange war die Gewürzmühle in der Straße leer, und von der neuen Adresse von Walter Schweres Norddeutsche Gewürzmühle, in der Vichowstraße 15, kam der Brief mit Fragen zu der Geschichte der Mühle zurück an den Absender. Von dem Molkenstift kam ein freundlicher Brief mit einigen Fakten zurück.

Unwissend, und nur mit Erfahrungen von etlichen Nachforschungen in Norwegen, ging ich zu der Stelle, von der ich dachte, es wäre logisch dort anzufangen: das Technische Rathaus Altona (weiter TRA genannt). Hätte ich bloß nicht erwähnt, dass, wer will, in Norwegen Baupläne und Akten anschauen darf (ausgeschlossen sind natürlich Regierungsgebäude, Banks etc.). Das sei hier so nicht der Fall, konnte eine übereifrige Mitarbeiterin des Servicezentrums mir erklären, noch bevor ich alles gesagt habe. Ich war wohl ein bisschen eingeschüchtert, als die Antwort auf meine Frage; „wie kann ich Einsicht bekommen?“ kam. Ich erinnere mich nur an etwas von offiziellen Papieren und Genehmigungen. Was wiederum dazu geführt haben könnte, dass die gleiche Angestellte, bei meinem nächsten Auftritt im Servicezentrum, nicht die Ruhe bewahren konnte.

Keine öffentliche Einsicht in Baupapiere laut Gesetz. Ich gebe zu, es hat mich damals etwas entmutigt, und es war erst danach, als die Idee Stadtteilmühle entstand, dass ich letzten Sommer wieder den Nachforschungsfaden aufnahm.

Mittlerweile war bekannt, dass das Gründstück mit der Mühle verkauft worden war. Im Sommer 2011 hatten Lux & Consorten eine Aktion vor Ort gemacht, um ihre Idee rauszubringen und waren in Kontakt mit dem Altona Spar und Bauverein (weiter Altoba genannt) gewesen, die kein Interesse an Gesprächen oder einer möglichen Zwischennutzung hatten. Dieses Mal hatte ich keine Lust auf Abweisung und glaubte damit gut gerüstet zu sein, einen Brief vom Stadtteilarchiv Ottensen, der mich als Teil einer Arbeitsgruppe zur Gaußstraße (weiter AzG genannt) zuordnete, dabei zu haben. „Nein, dass wäre nicht das richtige Papier, um Einsicht zu bekommen“ - das war unsere zweite Begegnung im Servicezentrum. Ihre Laune wurde nicht besser davon, dass ich mit der Geschichte von Norwegen anfing. Ich konnte ja nicht einfach davon ausgehen, dass sie mich wiedererkannte, ich hatte sie zuerst nicht wiedererkannt. Sie unterbrach mich in einem überraschend krassen Tonfall: „Wie würden Sie es finden, wenn Fremde einfach so Ihr Haus angucken könnten?“
„Ich hab kein Haus“ war das erste, was mir einfiel (und leider nicht, sie zu fragen, ob sie glaubte, es wären Bilder von ihrem Schlafzimmer in den Bauakten zu sehen,... was aber definitiv nicht zu einer weiteren guten Beziehung geführt hätte.) Worauf ein: „Sehen Sie!“ zur Antwort kam. Ich sah immer noch keine Bauakten von der Gaußstraße 71-75, (und seit neuestem auch der Barnerstraße 14) es ginge kein „Gesetzesweg“ daran vorbei, eine Genehmigung des Eigentümers einzuholen. Wir versuchten es freundlicher. „Ältere Akten, Papiere und dergleichen zu nicht mehr stehenden oder abgerissenen Gebäuden, könnten im Stadtarchiv Hamburg gefunden werden,“ sagte sie zum Abschluss.

Mit neuem Mut und mehreren Eisen im Feuer ging es dann weiter an die Arbeit.
Im Wochenblatt hatten wir, die AzG, nach Leuten gesucht, die uns was zuz Gaußstraße und zur Gewürzmühle erzählen könnten, und vielleicht gäbe es auch welche, die Fotos hätten. Niemand hatte sich gemeldet. Gleichzeitig war ich mehrmals persönlich beim Altoba, habe auch angerufen, und habe probiert, zu jemandem, der zuständig war, durchzukommen. Es wurden verdiente Urlaube genommen und die Zeit verging. Es wurde Spätherbst, bis die Absage kam: „Keine Einsicht“.
Wir durften aber fragen, was wir so wissen wollten, und man würde dann versuchen zu antworten.

Mehrere Ausflüge, durch Hamburg nach Wandsbeck in das Stadtarchiv, waren nötig, um das System des Archives, auch nach Hilfe und noch mehr Hilfe, zu verstehen; wissen wo zu suchen ist; wie Mappen bestellt werden, dass man wieder die lange Fahrt auf sich nehmen muss, jedes Mal, wenn man etwas Neues lernt oder was vergessen hat, und um wirklich voranzukommen, ist Geduld und ein gesunder Rücken (oder bessere Stühle in dem Lesesaal) von Vorteil. Im Januar kam dann die Antwort, dass die Altoba die Fragen der AzG nicht beantworten könnte.
Die bis dahin rausgefundenen Informationen erhielt dann das Stadtteilarchiv, und sie wurden auf der danach eröffneten Homepage der Stadtteilmühle Ottensen veröffentlicht.
Die Stadtteilmühle Ottensen (weiter StmO genannt) ging auf die Straße, mit Stellwänden und Flugblättern, Anfang Dezember 2011 und ich mit, um die Idee, ein Stadtteilzentrum in der alten Gewürzmühle („vorurteilsfrei und barrierefrei, wo Mitbürger selbst entscheiden, wie die Räume kommerzfrei zu nutzen sind. Genügend Raum drinnen und draußen für ein Generationen übergreifendes und nachbarliches Treffen sozialer und freizeitlicher Art. Wo es Raum gibt für lokales, außerparteiisches politisches Wirken.“) zu verbreiten und die Meinungen von den Menschen, die hier wohnen, zu hören. Es wurde geredet, und viele hatten was zu sagen. Auch, dass die meisten keine Zeit haben, um so eine scheinbar große Aufgabe anzugehen, und vergessen war dabei, was viele zusammen ausrichten können. Nach dem letzten Treffen in der Motte am 24. März hat sich nicht viel auf der Homepage der StmO getan, bis vor einigen Tage.
Der Abriss an der Gewürzmühle wurde am 30.04.12 begonnen. Auf beiden Straßenseiten wurden eine Woche davor „Parken verboten auf Zeit“-Schilder aufgestellt.
Schräg gegenüber der Mühle lag eine Schokoladenfabrik. Dort sind heute Firmen und Wohnungen drin. Die Hofgebäude sind weg, und es standen nur einige Schuppen noch, auf diesem Fleck dicht an die Bahnschienen, als ob es neben der Fabrik nichts geben würde und es sofort bebaut werden könnte. Wird es auch.
Bis die Arbeiten anfingen, (auf beiden Seiten gleichzeitig) war es nicht in Erfahrung zu bringen, was auf die Nachbarn zukommen würde. Es gibt kein Gesetz, das besagt, dass Bau oder Abrissvorhaben bei den Nachbarn angemeldet werden müssen.

Als Mieterin auf dem Nachbargründstück und als Teil der Interessengruppe StmO, habe ich mich ans Schreiben gesetzt und am 03.05.12 habe ich mich wieder auf den Weg zu TRA gemacht, um zu erfahren, was ich ohne Papiere rausbekommen könnte. „Ja, es wird abgerissen und es liegt eine Genehmigung vor“, dieses Mal brauchte ich kaum die Adresse zu nennen, bevor die Antwort kam. Ich hatte Verständnis und war freundlich, die Dame auch, sie gibt mir ein Tlfnr. zu einer Kollegin und bittet mich, mich bei ihr weiterhin zu melden. Was ich auch tue.
Diese Dame sagt lächelnd zu mir: „Sie kennen sich wohl kaum mit Statikberichten aus, und dass seien die einzigen Dokumente, die öffentlich sind, von dem was die Bauprüfung ergeben hat. Außerdem gibt es keinen Grund für Denkmalschutz und es darf abgerissen werden“. Dass alles wird von Gesetzen bestimmt, Anträge müssen gestellt werden, Papiere werden verschoben, Leute haben Arbeit. Es gibt kaum Gesetze, die lokalgeschichtliche Interessen schützen. Uns wurde keine Chance gegeben, nachzuprüfen, ob uns was Besonderes mit dem Abriss der Mühle verloren geht.

Ich schreibe eine Klage an das Bauamt, da ich als Bewohner des Nachbargründstücks mehrere Fragen hatte, die uns als Mieter direkt angehen; z.B. Ob den Bäumen, die hier dicht an den Wänden von der Mühle wachsen, die abgerissen werden sollte, Garantie für ein weiteres Bestehen gegeben wird. An den Altoba ging ein Brief von der StmO, in dem es um einen schnellen Termin geht, zur Besprechung der Möglichkeiten auch hier eine Lösung à la Gängeviertel zu finden; einen ähnlichen Brief haben die politische Parteien, vertreten in der Bezirksversammlung Altona, und die Bezirksversammlung selbst auch bekommen. Wir haben auch an alte und neue Kontakte der StmO geschrieben, um zu informieren, wie wichtig es ist, jetzt zu reagieren. Dieses wurde alles am 04.05.12 abgesendet.

Plötzlich, am 08.05.12, nach dem Wochenende, tauchten welche von der Abrissfirma beim Verein Vogelfrei, (wir als Verein mieten das Nachbargründstück) auf, und am nächsten Tag war ein Treffen angesagt. Von der Abrissfirma kam einer, einer war da Angestellter und einer kam von Behrendt (der nicht ohne eine Kopie von dem Brief an den Altoba vom Hof ging), der zweite Investor in der Gaußstraße 71-75 und Barnerstraße 14 zusammen mit Altoba - die waren wegen Krankheit abwesend. Wir erschienen zahlreich, da niemand bis jetzt mit uns geredet hatte und nichts zu einigen Hindernisse im Klaren war. Das Treffen war eh ein Witz, da keiner von den Anwesenden uns Antworten geben konnte und nur von „es wird sich schon was ergeben“ die Rede war. Währenddessen guckten die Arbeiter der Abrissfirma überall, wo es Platz für das Gerüst gäbe, (von dem wir hier zum ersten Mal etwas hörten), welches zur Absicherung des Wandabrisses in unseren Gärten, neben Schuppen und Zuhausen aufgestellt werden müsste.

Wegen meiner schlechten Erfahrungen mit geduldig allzu lange auf Antworten warten, habe ich bei TRA angerufen, spätestens ab jetzt waren alle meine Gesprächspartner über alles informiert, und nach einigen Versuchen und Gesprächen mit verschieden Mitarbeitern, konnte jemand mir erklären, dass ich als Mieterin kein Recht habe zu klagen. Und falls ich die Bäume selbst eingepflanzt hätte, dann nur nach Genehmigung, hoffte er, aber wenn die Bäume den Grundstückseigentümer gehören, dürfen nur die sich beschwerden. Nichtmal vor dem ungewollten Gerüst sind wir als Mieter geschützt, so lange der Eigentümer einwilligt.

Per Gesetz habe ich keine Recht zu wissen, was in meiner Nähe passiert, ich habe in keinem Geschehen, wo ich nichts besitze, Einfluss. Unter der Datenschutzdecke werden so einige Informationen mit Hilfe eines Gesetzes unzugänglich gemacht. Andere Beispiele der Einschränkungen, die unsere Stadt uns anbietet, sind: vermietete Bürgersteige und Verkauf von öffentlichem Raum, bald verlieren wir das Recht, uns irgendwo aufzuhalten, wenn wir nichts Kaufen möchten. Ohne Rücksicht auf die zu nehmen, die sich keinen Umzug leisten können, werden Bäume gefällt, Großbauprojekte geplant, Wohnungen gebaut und Preise steigen. Eine generelle Kaufhysterie und Cafekultur verbreitet sich in Vierteln, die modisch korrekt sind, wie ein Lauffeuer, der Satz: „es ist nicht mehr dasselbe“, ist öfter zu hören, und Leute ziehen nach Jahren wohnlicher Ansässigkeit mit schwerem Herzen „freiwillig“ weg.

Es wird seit einigen Jahren sehr viel darüber geredet, wie sich die Stadt entwickelt und dass es immer Umbrüche gegeben hat. Kaum jemanden spricht darüber, wie sich die Menschen in den Städten auch geändert haben. Trotzdem bestehen Politiker, Investoren und ihre Lobbys darauf, dass die alten Gesetze noch Bestand haben und Standhaftigkeit besitzen, wo sie sonst von Vorschritt und Anpassung so begeistert reden. Kein Wunder, dass sich für die Besitzlosen nichts ändert. Persönlich würden mich außerparteiische politische Gespräche, über den Sinn mancher Vorhaben in unserer Umgebung und altmodische Gesetze, in Räumlichkeiten eines Stadtteilzentrums hier im Dorf, in einer nahen Zukunft sehr freuen. Solange Ottensen noch ein Stadtteil für „alle“ ist.

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