Stadion-Umzug: Keine Geschenke an Altona 93

Bescherung beim letzten Punktspiel des Jahres 2016: Die Oberligamannschaft von Altona 93 besiegte Barmbek-Uhlenhorst, die Fans in der „Meckerecke“ hatten ihren Spaß. (Foto: Bernhard Greulich)
 
Im März 2015 stellte Dirk Barthel, Vorsitzender von Altona 93, die Neubaupläne für die Memellandallee gemeinsam mit Bezirksamtsleiterin Liane Melzer vor. Jetzt scheint es, als würde die Zeichnung nie Realität. (Foto: cvs)
Hamburg: Adolf-Jäger-Kampfbahn |

Es geht um 2,6 Millionen Euro: Der AFC will, dass die Stadt sich an den Kosten für den Neubau beteiligt, die lehnt aber ab

Von Folke Havekost, Hamburg-West

Lange hieß es, dass Altona 93 sein traditionsreiches Stadion abreißt und an der Memellandallee neu baut. Doch danach sieht es nun nicht mehr aus. Eine dem Elbe Wochenblatt vorliegende Machbarkeitsstudie ergab, dass der Verein sich den erwünschten Stadionneubau derzeit nicht leisten kann. Demnach soll die Stadt dem Club bei den Planungen entgegenkommen, sprich: auf Geld verzichten. Derzeit verlangt die Stadt 2,631 Millionen Euro für eine Langzeitpacht und Umbauarbeiten an der Memellandallee.
Vor neun Jahren schien die Rechnung einfach: Für den Verkauf der 1908 eingeweihten Adolf-Jäger-Kampfbahn an der Griegstraße erhält der Verein 11,25 Millionen Euro vom Altonaer Spar- und Bauverein sowie von Behrendt Wohnungsbau, um sich mit diesem Erlös eine neue Heimat zu bauen. Um Platz für seine vielen Nachwuchsmannschaften zu schaffen, plant der AFC zweigleisig. Doch der Plan hakt, einerseits an der Baurstraße ein Vereinsheim mit Plätzen für die Jugend zu errichten und andererseits an der Memellandallee ein neues Stadion zu bauen, das die Regionalliga-Ambitionen des AFC unterstreicht.
Zum einen sind die Baukosten seit dem Vertragsabschluss 2007 enorm gestiegen, zum anderen verlangt die Stadt 2,15 Millionen Euro Freimachungskosten, um an der Memellandallee Umkleidekabinen und Leichtathletik-Laufbahn (jeweils 800.000 Euro) zu entfernen sowie einen Kunstrasenplatz mit Flutlicht (550.000 Euro) einzurichten. Für eine 60-jährige Erbbaupacht würden dem AFC zudem 481.000 Euro in Rechnung gestellt. „Sind die Grundstückskosten in der bislang anvisierten Größenordnung zu zahlen, reichen die vorhandenen Investitionsmittel für die Realisierung der angestrebten sportlichen Perspektive Regionalliga nicht aus“, heißt es in der Machbarkeitsstudie, die das Planungsbüro „Feldstraße 66“ im Auftrag des Vereins erstellt hat.

Machbarkeitsstudie als
Wunschzettel von Altona 93


Ein Ausweg wäre demnach, den Umzug der Altonaer Oberliga-Elf in die Nähe des künftigen Großbahnhofs Diebsteich als öffentlich förderungswürdig anzuerkennen. Bei ihren Neu- oder Umbauten seien der HSV, St. Pauli und auch Oberligist SC Victoria gefördert worden, argumentiert das Gutachten in seinem Plädoyer für mehr „Eigenmittelspielraum“. Mit seinem Umzug, der auf dem bisherigen Stadiongelände Platz für 330 Wohnungen schaffen würde, leiste der AFC schließlich „einen ganz erheblichen eigenen Beitrag für die sport-, wohnungsbau- und stadtentwicklungspolitischen Zielsetzungen der Stadt“. Insofern besteht das Gutachten nicht nur aus Analysen und Zahlenkolonnen, sondern ist aus Vereinssicht auch Lagebeschreibung und Wunschzettel zugleich.
Die neuen Heimstätten der beiden Hamburger Profimannschaften HSV und FC St. Pauli wurden tatsächlich von der Stadt mitfinanziert: Das Volksparkstadion mit 10,9 Millionen Euro, das Millerntor mit 5,5 Millionen Euro öffentlicher Zuschüsse. Altona 93 spielt allerdings nicht erst- oder zweitklassig, sondern in der Oberliga Hamburg, einer der fünfthöchsten Spielklassen im deutschen Fußball. Dass das eigene Stadiongelände an der Griegstraße im bauboomenden Bahrenfeld ein immobilienwirtschaftliches Filetstück darstellt, ist unbestritten. Doch der Vertrag mit den beiden Bauunternehmen ist fixiert, neue Optionen könnte der AFC kurz- und mittelfristig nur mithilfe der Stadt erlangen.

Bezirksamt: „Von uns wird es kein neues Angebot geben“


Ohne städtisches Entgegenkommen wäre für den Klub nur eine im Gutachten als „Oberliga-Stadion“ bezeichnete Variante mit 3.000 Zuschauerplätzen (7,5 Millionen Euro Baukosten plus 2,6 Millionen Euro Pacht und Freimachung) finanzierbar. Die Bezeichnung ist leicht irreführend, denn der Norddeutsche Fußball-Verband verlangt für die Regionalliga keine Mindeststadiongröße. Aber Altonas Aufstiegsspiel gegen den SV Eichede am 1. Juni 2016 besuchten 3.700 Fans – ein mögliches Zeichen des hohen AFC-Potenzials.
Die Kosten für ein Stadion mit 5.000 Zuschauern an der Memellandallee und einen „AFC Campus“ mit Klubheim an der Baurstraße werden – ohne die städtischen Gebühren von 2,63 Millionen Euro – auf 10,92 Millionen Euro taxiert. Ein 4.000er-Stadion mit Ausbaumöglichkeit würde nach der Studie zusammen mit dem Campus 9,87 Millionen Euro kosten. Immer noch zu viel, wenn die Stadt auf ihren Forderungen beharrt.
Derzeit laufen die lange sto-ckenden Gespräche zwischen Verein und Stadt wieder: Das Altonaer Nahziel ist offenbar, eine Möglichkeit für das Stadion mit 4.000 Plätzen zu schaffen. Doch dafür müsste die Stadt immer noch auf rund 1,5 Millionen Euro verzichten.
Dazu ist sie nicht bereit, wie Martin Roehl, Sprecher des Bezirksamts Altona, erneut deutlich macht: „Der Ball liegt jetzt bei Altona 93. Von unserer Seite wird es kein neues Angebot geben!“ Das deckt sich mit der Linie, die Bezirksamtsleiterin Liane Melzer bereits bei der Vorstellung der Stadionpläne im März 2015 vorgegeben hatte. Das Erbbaupachtrecht, das die Stadt verlangt, sei zudem relativ günstig. „Der Klub wollte das Gelände an der Memellandallee kaufen, dem konnten wir nicht zustimmen, weil wir keine anderen Flächen haben“, so Roehl.
Im Februar endet für die Fußballer von Altona 93 die Winterpause. Mittlerweile halten es einige Beobachter sogar für möglich, dass keine Umzugslösung gefunden wird, bis der Kaufvertrag im noch fernen 2037 ausläuft und damit gegenstandslos wäre. Höhere Chancen auf einen Kompromiss könnten sich allerdings ergeben, wenn mit dem Umzug des Altonaer Fernbahnhofs nach Diebsteich 2023 auch das Gelände um die geplante neue (Stadion-)Heimat einer derzeit unbekannten Dynamik unterliegt.

Ein Stadion zieht um, oder doch nicht?


30. August 1908: Altona 93 pachtet eine Weide in der Nähe der Bahrenfelder Brauerei. Feststehende Tore werden gebaut und eine Holzbude mit Bodenbrettern, die als Umkleidehäuschen dient.
Adolf Jäger, der damals beste Fußballer Deutschlands,wirkt beim Eröffnungsspiel gegen den BC Lübeck (7:1) mit und gibt im strömenden Regen die Vorlage zum ersten Tor. Später kauft der AFC das Grundstück. Es ist das zweitälteste Stadion Deutschlands, in dem noch Fußball gespielt wird.

August 1944: Altona 93 benennt sein Stadion in „Adolf-Jäger-Kampfbahn“ um. Die martialische Namensgebung passte zum damaligen Zeitgeist, zum eher sensiblen Fußballer Adolf Jäger, dessen einziger Sohn Rolf zwei Monate zuvor in Le Mans bei einem Luftangriff getötet worden war, passte sie allerdings denkbar schlecht.

31. März 2015: „Bessere Angebote wird’s nicht geben.“ Man werde in absehbarer Zeit „kaum eine andere Möglichkeit“ finden, sagt Bezirksamtsleiterin Liane Melzer bei der Vorstellung der Umzugspläne von Altona 93 an der Memellandallee. Das neue Areal gleich hinter dem Paketpostamt würde sich Altona 93 mit Union 03 teilen. Bezirksverwaltung, -politik und beteiligte Vereine hatten über das Neubaukonzept gemeinsam verhandelt.
Übrigens: Adolf Jäger wurde auf den Tag genau 126 Jahre zuvor geboren. Es sieht so aus, als würde sein Stadion erhalten bleiben. CVS/MG
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