Babyretter geht auf Weltreise

Habib Naji hatte als Mitarbeiter des CCH-Empfangs am 4. Januar die kleine Marie in einem Koffer entdeckt. Jetzt ist der Eidelstedter in Altersteilzeit, für seine zweijährige Weltreise hält er sich mit Radfahren fit. Foto: da
 
Vor diesem Lieferanteneingang an der Tiergartenstraße wurde der Koffer in der Winterkälte gefunden. Foto: da
Hamburg: St. Pauli |

In einem Koffer fand Habib Naji die kleine Marie vor dem CCH, jetzt geht der Pförtner in Altersteilzeit – und erfüllt sich seinen Kindheitstraum

von René Dan
Vielleicht hatte ein Musiker den Koffer vor dem Lieferanteneingang des CCH vergessen, dachte Habib Naji, der im Eingangsbereich des Congress Centrum Hamburg arbeitet. Ein Passant hatte ihn am Spätnachmittag des 4. Januar auf den Trolley aufmerksam gemacht. Habib Naji und ein Sicherheitsmitarbeiter hatten zunächst außer Kleidung nichts gefunden. Und so hatte der Pförtner den Koffer im Nebenraum abgestellt – bis er plötzlich hinter sich ein lautes Wimmern hörte: „Ich sprang auf und lief zum Koffer.“ Daraufhin machte er eine Entdeckung, die ganz Deutschland aufwühlen sollte: Ein Säugling lag im Koffer, kurz nach der Entbindung.
Das kleine Mädchen war unterkühlt, hatte Temperaturen um den Gefrierpunkt überlebt. „Wenn sie gestorben wäre, hätte ich damit nicht leben können – es hätte etwas in mir zerstört“, sagt Habib Naji. Doch im Altonaer Kinderkrankenhaus wurde der Säugling von Schwestern liebevoll gepflegt und bekam den Namen Marie. Die leiblichen Eltern des Kindes wurden bislang nicht gefunden (siehe Infokasten).
Die kleine Marie hat den gleichen Namen wie die neunjährige Enkelin des Deutsch-Tunesiers, der seit 1969 in Deutschand lebt. Bald wird Habib Naji seine drei Enkel und seine drei Kinder eine Weile lang nicht sehen: „Am 24. Oktober starte ich zu einer Weltreise, die zwei Jahre dauert“, kündigt der Eidelstedter an. Denn jetzt ist der 60-Jährige in die sogenannte „passive Phase des Altersteilzeit“ getreten, er braucht nicht mehr zu arbeiten.
Der in Tunis Geborene wird sich einen Kindheitstraum erfüllen: „Schon als kleiner Junge wollte ich raus in die Welt.“ Viele Länder hat er bereits gesehen, darunter Indonesien und Neuseeland. Im Oktober geht’s zunächst nach Australien und danach in die Südsee.
Auch auf die darauf folgende Reise nach Mittel- und Südamerika hat sich der gelernte Hotelfachangestellte vorbereitet: „Ich freue mich besonders auf die Iguazú-Wasserfälle, die zwischen Brasilien und Argentinien liegen.“
Den Traum der Weltreise kann er sich erfüllen. Doch Habib Naji hat einen zweiten innigen Wunsch: Marie, die jetzt bei Pflegeeltern lebt, wiederzusehen. „Ich will Marie knuddeln – es ist ein Gottesgeschenk, dass sie lebt“, sagt ihr Retter.

„Marie geht es sehr gut“
Die Polizei hat die verschiedensten Fährten verfolgt, um die Eltern des Findelkindes Marie zu ermitteln. Ohne Erfolg. Eine heiße Spur schienen Bilder aus einer Überwachungskamera gewesen zu sein, auf dem ein Mann zu sehen ist, der einen großen Koffer der Marke „Omica“ am Bahnhof Dammtor trug. In einem kleineren Koffer dieser Marke hatte der CCH-Pförtner Habib Naji den Säugling gefunden. Erst fast zwei Monate später konnte der 20-Jährige identifiziert werden – der aber nichts mit der Tat zu tun hatte.
„Wir haben alle Ermittlungsansätze ausgeschöpft“, sagt Andreas Schöpflin, Pressesprecher der Polizei Hamburg. Er fügt hinzu: „Wir haben keine Hinweise auf die leiblichen Eltern. Die Akte ist jetzt bei der Staatsanwaltschaft.“
Marie kam schon kurz nach ihrem Auffinden in eine Pflegefamilie, die sie auch adoptieren will. „Marie ist in einer sehr netten Familie, es geht ihr sehr gut“, sagt Lars Schmidt-von Koss, Pressesprecher des Bezirksamtes Mitte, das die Vormundschaft für das Mädchen hat. Marie lebt im Hamburger Umland, der genaue Aufenthaltsort ist der Öffentlichkeit nicht bekannt – das Mädchen soll aufwachsen wie ein normales Kind. „Die Entscheidung, wann Marie von ihrer Adoption erfahrt“, so Lars Schmidt-von Koss, „liegt bei den Eltern.“ DA
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