„Wir wissen einfach nicht, wohin“

Hält schon mal alle auf Trab: Als Baby Nemanja neulich krank war und nachts nicht geschlafen hat, war die ganze Familie übernächtigt. (Foto: Ulrike Schmidt)
 
Familie Maksimovic ist Mitte Januar von Lokstedt nach Moorfleet umgezogen, statt im Wohncontainer leben sie nun in einem ehemaligen Klassenzimmer: Nikola (3, v.l.), Mutter Danijela (24) und Baby Nemanja (sechs Monate). (Foto: Ulrike Schmidt)

Im April droht Familie Maksimovic die Abschiebung – in ihrem Heimatdorf im Kosovo sind die Eltern und ihre Kinder in Gefahr

Von Roger Repplinger. Eine ehemalige Schule. Klinker. In Moorfleet, in der Straße Sandwisch, am Waldrand gelegen. Im Eingangsbereich sitzt ein schwarzer Junge auf einer Treppenstufe, ein blonder vor der Tür eines ehemaligen Klassenzimmers. Hier wurden von 1949 bis 1980 Grund-, Haupt- und Realschüler unterrichtet. Jetzt wohnen Flüchtlinge in den Räumen. Im Zimmer der Familie Maksimovic sind alle leise. Das Baby schläft: Nemanja. Er ist genau heute sechs Monate alt geworden.

Familie Maksimovic aus dem Kosovo: Mutter Danijela, 24, Vater Aleksandar, 31, und ihre drei Kinder haben seit Mitte Januar mehr Platz als noch vor ein paar Wochen. Zuerst waren die Fünf in einem zwölf Quadratmeter großen Container auf der Lokstedter Höhe untergekommen. Doch das war nur eine Bleibe auf Zeit. Nun in Moorfleet in der ehemaligen Schule: Die Einrichtung des Raumes – Teppich, Couch, Tischchen, Fernseher – stammt von der Frau, die vorher hier gelebt hat. Danijela und die Kinder schlafen auf der Couch. Nemanja hat ein Kinderbettchen, gestellt von der Behörde. Neulich hat Nemanja nachts nicht geschlafen, die gesamte Familie war übernächtigt. Im Moment übt jemand nebenan auf dem Klavier. Übt ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck.

Die Ausländerbehörde der Stadt Hamburg wollte Familie Maksimovic im Dezember mit dem damals wenige Wochen alten Nemanja in den Kosovo, nach Pristina, abschieben. Der Petitionsausschuss der Hamburger Bürgerschaft entschied jedoch, dass Familie Maksimovic nicht vor dem 1. April 2014 abgeschoben wird. Trotzdem wird der Familie bei jedem Termin bei der Ausländerbehörde ein Formular vorgelegt, das sie unterschreiben soll. Auf diesem Formular stimmt sie ihrer „freiwilligen Ausreise“ zu. Deshalb ist es gut, wenn immer jemand, der die deutsche Sprache beherrscht und die Tricks der Ausländerbehörde kennt, Flüchtlinge bei Behördengängen begleitet.

Familie Maksimovic stammt aus Klokot, einem Dorf in der Nähe von Vitina, südwestlich von Pristina. Durch die Berichterstattung des Elbe Wochenblatts wurde Hans Gerhard von der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ (GfbV) auf den Fall aufmerksam. Im Kosovo gehören auch Roma zu den verfolgten Volksgruppen. Aleksandar Maksimovic ist Roma. Jasna Causevic, GfbV-Referentin für Südosteuropa, schickte einen Mann namens Dzafer Buzoli nach Klokot, um dort mit Bürgermeister Milan Pavic über die Familie Maksimovic zu sprechen.
In Buzolis Bericht heißt es, dass die Gegend um Klokot „eine der ärmsten Regionen im Kosovo ist“. Der Gemeinde gelinge es trotz großer Bemühungen nicht, Minderheitenrechte zu gewährleisten. „Täglich gibt es verbale und physische Drohungen und Übergriffe vor allem gegenüber Jugendlichen, und viele Serben und Roma fürchten sich davor, aus dem Haus zu gehen.“

Pavic, der selbst – wie die Mehrheit der Bewohner von Klokot – Serbe ist, erinnert sich an Familie Maksimovic, „da die Mutter von Herrn Maksimovic 1999 bei der ers-ten Attacke auf Roma-Frauen getötet wurde“. Pavic bestätigt die von Danijela und Aleksandar Maksimovic gegenüber der Ausländerbehörde gemachten Angaben. Die Albaner haben die Felder der Maksimovic' besetzt, das Haus niedergebrannt, die Familie erpresst, Haus und Felder an Albaner zu verkaufen. „Die Familie Maksimovic ist in der Gemeinde Klokot sehr bekannt und wird hier als eine der Familien bezeichnet, die am meisten unter der Diskriminierung und den Gewalttaten der Albaner gelitten haben“, sagt der Bürgermeister. Pavic geht davon aus, dass der Versuch, in ihr Haus zurückzukehren, das „Leben der Familie in Gefahr bringen würde“. Aleksandar Maksimovic habe keine Verwandten mehr – bis auf einen Onkel, von dem aber niemand wisse, wo er lebt.

Das klingt nicht so, als ob der Kosovo für Familie Maksimovic sicher ist. Auf die Frage, was er machen würde, wenn er in den Kosovo zurück müsste, sagt Aleksandar Maksimovic: „Auf diese Frage habe ich keine Antwort.“ Danijela sagt: „Das ist eine schwierige Frage.“

Die Familie hat, unter Verweis auf diese neuen Erkenntnisse, mit Hilfe von Zaklin
Nastic, Abgeordnete der Linksfraktion der Bezirksversammlung Eimsbüttel, einen zweiten Asylantrag gestellt. Nastic hat eine auf Asylfragen spezialisierte Rechtsanwältin gefunden, die die Familie vor Gericht vertreten wird. „Das Verfahren kostet allerdings viel Geld, das kann am Ende in die Tausende gehen“, sagt Nastic, deshalb wurde ein Spendenkonto für die Familie eingerichtet.
Aleksandar Maksimovic ist Schlosser und hat sich längst um einen Job bemüht. Er hätte als Lagerarbeiter anfangen können, aber Nastic musste ihm erklären, dass er nicht arbeiten darf. „Es ist schwer, zu Hause herumzusitzen“, sagt Maksimovic. Tochter Sara, knapp fünf Jahre alt und ziemlich aufgeweckt, will in die Schule. Die Eltern haben den Kindergarten auf der Lokstedter Höhe für Sara kurzerhand zur Schule erklärt, damit sie nicht sagt: „Dafür bin ich zu alt.“ In Moorfleet ist der Kindergarten weit weg. In Lokstedt haben Anwohner Deutschkurse angeboten. „Hier gibt es das nicht“, sagt Aleksandar Maksimovic.

Die Kinder haben sich über den Umzug von Lokstedt nach Moorfleet nicht beklagt. Es sind drei weitere Lokstedter Familien mit hierher gekommen und so haben sie ihre Spielkameraden nicht verloren.

Das Problem ist die drohende Abschiebung im April – Aleksandar Maksimovic sagt: „Wir wissen einfach nicht, wohin.“ „Nach Klokot“, sagt Danijela, „können wir nicht zurück. Das ist klar, wir stehen vor dem Nichts.“

Als wir Besucher das Gebäude verlassen, sind aus den zwei Jungs im Vorraum der ehemaligen Schule Moorfleet vier geworden. Es wird Fußball gespielt. Der Ball könnte Luft vertragen. „Lass uns Elfmeter schießen“, ruft der schwarze Junge.
Infos zum Spendenkonto gibt es im Internet unter www.linksfraktion-eimsbuettel.de/maksimovic/
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.